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Hanns Eisler Chor Berlin

Hanns Eisler Chor Berlin
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Hanns-Eisler-Chor Berlin: ein Kind der 68er

28 Sängerinnen und Sänger betreten am 6. Juli 1973 die Bühne des Konzertsaals der Staatlichen Hochschule für Musik, Berlin 12, Fasanenstr. 1 und singen Werke von Hanns Eisler, eines in (Ost-) Berlin wohnenden und bis dahin in (West-)Berlin fast unbekannten Komponisten.

Dieses Konzert zum 75. Geburtstag des Komponisten war das offizielle Gründungskonzert des Hanns-Eisler-Chors. Recht ungewöhnlich wirkte dieser Chor ohne einheitliche Chorkleidung, der Lieder und Chöre sang, die man sonst in den Konzertsälen (West-)Berlins und (West-)Deutschlands nicht hören konnte.

Die Gründung des Hanns-Eisler-Chors war einerseits schon Ergebnis einer langen (musik-) politischen Entwicklung und andererseits der Ausgangspunkt einer bis heute spannenden Chorarbeit.

Aber wie, wo und wann kreuzten sich die Wege der politisierten Generation mit dem 1962 verstorbenen Komponisten Hanns Eisler? Wieso war dieser Komponist für einen Teil der Studentenbewegung so wichtig? Dieser Frage möchte ich am Beispiel der spezifischen Entwicklung an der Musikhochschule nachgehen.

Wir, die Studentinnen und Studenten der Musikhochschule in Berlin, gerieten damals in die aufregende Zeit der Studentenbewegung von 1968 und gestalteten diesen Aufbruch mit unseren Mitteln und Möglichkeiten. Wir trafen uns auf Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen, demonstrierten gegen imperialistische Politik, hinterfragten Autoritäten an Universitäten und setzten uns mit der Generation unserer Eltern auseinander. Wir stellten Fragen, wollten verstehen und eigene Positionen finden und die Gesellschaft, möglichst auch die Welt verändern. Die Zeit roch überall nach Aufbruch, nach Veränderung.

Dann begannen wir Adornos Musiksoziologie zu lesen, später Werke von Karl Marx, Engels und Lenin, vor allem Das Kapital. Musikwissenschaftler von der benachbarten Technischen Universität und der Freien Universität Berlin saßen in unseren Arbeitsgruppen; zusammen analysierten, diskutierten und exzerpierten wir die komplizierten Texte.

Akribisch schrieben wir Protokolle, holten uns Experten z.B. vom Argument-Verlag, setzten uns mit der Kritik der Warenästhetik auseinander, redeten uns die Köpfe heiß, wofür und wogegen wir kämpfen wollten und wie eine humanere, gerechtere Gesellschaft geschaffen werden könnte. Aber wir kamen nach einiger Zeit auch an einen Punkt, an dem wir uns fragten, wie wir die angehäufte Theorie praktisch umsetzen können. Wir waren doch Musikstudenten, der Kern von uns Schulmusiker, die später einmal vor der Klasse stehen und lebendigen Unterricht mit spannender Musik erteilen wollten. Wenn wir also unser Studium nicht aufgeben wollten, um dafür lieber Ökonomie zu studieren (ja, solche Überlegungen gab es damals schon mal) gab es für uns nur die Alternative, an unserem Platz an der Hochschule für Musik und mit den Mitteln der Musik unseren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Und nun wurde es sehr konkret mit unserer Arbeit: bald waren wir gewählte Studentenvertreter, übernahmen den ASTA, setzten uns für unsere Mitstudenten ein, veranstalteten Sit-ins im Akademischen Senat und veranstalteten ein Symposium, währenddessen die Hochschule mit Genehmigung des damaligen Rektors drei Tage geschlossen wurde. Das hat uns nicht gerade die Sympathie der anderen Fachbereiche eingebracht!

Wir waren bei Versammlungen aktiv und artikulierten unsere Kritik. Wir saßen in der ersten paritätisch besetzten Berufungskommission und arbeiteten konfliktbereit an einem neuen Curriculum für den Fachbereich Schulmusik mit. Der Elan, auch über das unmittelbar studentische Engagement hinaus teilzuhaben an der übergreifenden Idee, die Gesellschaft zu verändern, ließ uns auch in den ADSen – der Aktionsgemeinschaft von Demokraten und Sozialisten - aktiv werden.

Ein entscheidender Schritt auf unserem Wege, politisches und musikalisches Handeln miteinander zu verbinden, war die Kontaktaufnahme mit dem FU-Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann, der eine fundierte Analyse des Eislerschen Solidaritätslieds veröffentlicht hatte. Ihn holten wir als Leiter eines Seminars an die Hochschule für Musik. Dieses Seminar war wie eine Offenbarung für uns: das spannendste und folgereichste unseres Studiums. Hier erarbeiteten wir uns einen ersten Zugang zu den Werken des Komponisten und Wissenschaftlers Hanns Eisler, der uns zum einen durch seine scharfen Analysen und seine kritische Haltung gegenüber der sozialen Realität der 20er Jahre begeisterte. Zum anderen überzeugten seine Kompositionen durch ihren mitreißenden Gestus uns 68er Studenten. In Eislers Kompositionen, seinen theoretischen Konzeptionen und praktischen Positionen fanden wir das, wonach wir gesucht hatten: die gelungene Synthese aus Politik und Musik oder eher Musik und Politik? Sie motivierte uns zunächst, ein Orchesterkonzert mit Musikerinnen und Musiker aus unserem Umfeld vorzubereiten. Eislers Kleine Sinfonie und andere Orchesterwerke wurden eifrig geprobt. Der Plan musste dann aber wegen verschiedener Schwierigkeiten aufgegeben werden. Das entstandene Vakuum wurde glücklicherweise gefüllt durch eine Initiative vom Ständigen Komitee Kulturtage – Progressive Kunst Westberlin e.V., dass im Oktober 1972 die ersten Kulturtage im Gesellschaftshaus Neukölln, veranstaltete. Für uns die einmalige Gelegenheit, einen Chor aus Musikstudenten und Studenten anderer Hochschulen auf die Beine zu stellen. Einen langen Abend widmeten wir dem Leben und Werk Hanns Eislers mit ausführlichen Dokumenten, Texten, Lichtbildern und natürlich seinen inhaltlich und musikalisch aktivierenden Chorstücken. Der Erfolg im völlig überfüllten Gesellschaftshaus Neukölln war so überwältigend, dass eine Weiterarbeit ganz selbstverständlich war und ein fester Chor gebildet wurde. Dieser wuchs in den nächsten Monaten schnell auf über 60 Sängerinnen und Sänger.

Viele Mitstudenten der 68er waren von der Idee begeistert, mit dem Chorsingen „politische und ästhetische Lernprozesse in Gang zu setzen, mit einer „Musik, die Haltungen erzeugt, aktiviert“, einer Musik, die zu bewegen vermag. So stand es in der Grundsatzerklärung des Hanns-Eisler-Chors vom 14.3.1973, die nach heftigen Diskussionen schließlich abgestimmt und angenommen wurde. Vorausgegangen war ein unvergessener Besuch von Franz Niermann und mir bei Stephanie Eisler in der Pfeilstraße. Sie gab uns ihr Einverständnis, den Chor nach ihrem Mann zu benennen und wir waren froh, dass sie zum Konzert am 6.Juli 1973 zu uns nach Westberlin kommen konnte. Von den sieben Gründungsmitgliedern sind heute noch Christina Hoffmann-Möller und Susanne Jüdes als Dirigentinnen tätig. Aber auch den anderen „Urvätern“ Albrecht Dümling, Ottmar Jüdes, Franz Niermann, Dietrich Stern und Dirk Stötzer sind wir immer noch verbunden. Man möge mir nachsehen, dass ich nicht alle Musikerinnen und Musikern, die eine wichtige Rolle in den Anfangsjahren spielten, an dieser Stelle erwähnen kann.

Der Erarbeitung „unerhört-neuer“ musikalischer Inhalte entsprach das Erproben anderer Arbeits- und Organisationsformen. So wurde z.B. sehr früh ein Künstlerischer Beirat institutionalisiert, in dem regelmäßig über Programmstruktur- und Inhalte, Probengestaltung und Qualifizierung der einzelnen Chormitglieder beraten wurde. Möglichst viele Chormitglieder sollten Noten lesen und Vom-Blatt-Singen können. Selbstverständlich war, dass alle Konzert- und Auftrittsinhalte ausgiebig im gesamten Chor diskutiert und abgestimmt wurden. An diesem Punkt griff unser Demokratieverständnis in die tradierten, eher hierarchisch strukturierten Entscheidungsstrukturen eines Chors ein. Orientierung fanden wir auch in den Texten Eislers. Sein Motto „Gegen die Dummheit in der Musik“ wurde das unsrige. Ermunternd war die Tatsache, dass fast parallel zu unserem Chor beziehungsweise in den Jahren danach viele andere Chöre mit einer politischen Akzentuierung gegründet wurden wie z.B. der Ernst-Busch-Chor in Kiel oder der Chor Kölner Gewerkschafter.

Seit dieser Zeit hat sich viel verändert und wir uns auch. Manch inhaltliche Aussage und Herangehensweise, von der wir damals überzeugt waren, wirkt heute eindimensional und verkürzt. Unsere Sicherheit überdeckte Unsicherheit, klar formulierte Überzeugung den Zweifel, rigide Antworten eine differenzierende Betrachtungsweise; dies ausführlich darzustellen kann nicht Aufgabe dieser Betrachtung sein.

Aber noch einmal zurück ins Jahr 1973. Wie ging es denn nach diesem furiosen Debut weiter? Wir haben uns glücklich geschätzt, bald mit Gegenwartskomponisten in Verbindung zu kommen, die, in der Eislerschen Tradition stehend, angewandte Musik schrieben. Unvergessen Heinz Schreiters Kantate „Vietnamesische Erfahrungen“ (1973) die zusammen mit Eislers Kantate „Die Mutter“ bei den Kulturtagen 1974 uraufgeführt wurde, später dann z.B. die halbszenische „Bleistaubkantate“ (1985) des kürzlich leider verstorbenen Berliner Komponisten Wilhelm Dieter Siebert. Besonders hervorzuheben ist bereits in dieser Anfangsphase die enge Zusammenarbeit mit dem Berliner Komponisten und Musikwissenschaftler an der UdK Berlin, Hartmut Fladt, aus der beide, Chor und Komponist, viel gelernt und sich gegenseitig gefordert und gefördert habe.

Aufschlussreich hinsichtlich der Verbindung Studentenbewegung und Eisler sind nicht zuletzt auch die Anlässe, bei denen wir in den 70er Jahren aufgetreten sind. Da gab es den VDS-Bundeskongress in Hamburg (1973), eine Sendung zum 1. Mai beim ZDF (1974), einen Auftritt beim Internationalen Arbeiter-Künstler-Treffen in Braunschweig (1974), ein Beitrag zum Antikriegstag in Stukenbrock (1975) oder eine Unterstützung von Amnesty International (1976), um nur einige Anlässe zu nennen.

Im letzten Jahr hat die Musik Kurt Weills im Mittelpunkt unserer Chorarbeit gestanden; ihm haben wir ein ganzes Programm gewidmet, das wir auch in seiner Exilheimat USA zur Aufführung gebracht haben.

Christina Hoffmann-Möller

#Berlin #musique #chant

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