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January 28 2014

Das ultraviolette Auge von Claude Monet [Astrodicticum Simplex]

In meinen Artikeln habe ich immer wieder auf die besondere Art und Weise hin gewiesen, mit der Astronomen die Welt beobachten. Die Astronomie hat ihre große Schwäche im Laufe der Zeit zu einer großen Stärke transformiert. Denn in der Astronomie hat man immer ein fundamentales Problems: Man kann die Studienobjekte nicht direkt untersuchen, sondern immer nur beobachten. Die Astronomen können nur schauen; ihnen bleibt nichts anderes als das Licht, dass sie von den fernen Sternen erreicht. Aus diesem Licht müssen sie alles über die fremden Himmelskörper lernen und um das zu schaffen, haben die Astronomen im Laufe der Zeit gelernt, immer besser zu sehen.

Heute können wir die Sterne immer noch nicht direkt untersuchen. Aber wir können mehr und besser sehen als jemals zu vor. Das begann mit der Entwicklung des astronomischen Teleskops vor knapp 400 Jahren, dass unsere Augen größer machte. Im 18. Jahrhundert entdeckten die Wissenschaftler dann aber, dass selbst die besten menschlichen Augen und die besten Teleskope nicht ausreichen, um alles zu sehen, was es zu sehen gibt. Denn es gibt Licht, das wir schlicht und einfach nicht sehen können. Zum Beispiel die Infrarotstrahlung, die nichts anderes ist als normales Licht, nur mit einer Wellenlänge die ein bisschen zu groß ist um von unserem Auge registriert zu werden. Oder die Ultraviolett-Strahlung, die 1801 von Johann Wilhelm Ritter in Jena entdeckt wurde: Auch sie ist ganz normales Licht, nur diesmal mit einer zu kurzen Wellenlänge. Im 19. und 20. Jahrhundert folgten weitere Entdeckungen. Man fand die Radiowellen, die Mikrowellen, die Röntgenstrahlung und die Gammastrahlung und all das ist ganz normales Licht; immer handelt es sich um elektromagnetische Strahlung und wir Menschen können mit unseren Augen nur einen winzigen Ausschnitt davon wahrnehmen.

So sieht die Sonne im Ultraviolett-Licht aus. Bzw. so sieht sie NICHT aus, denn wir können UV-Licht ja nicht sehen. So sieht sie aus, wenn man die gemessene Intensität des von der Sonne abgestrahlten UV-Lichts in für uns sichtbaren Farben darstellt (Bild: NASA / Goddard / SDO AIA Team)

So sieht die Sonne im Ultraviolett-Licht aus. Bzw. so sieht sie NICHT aus, denn wir können UV-Licht ja nicht sehen. So sieht sie aus, wenn man die gemessene Intensität des von der Sonne abgestrahlten UV-Lichts in für uns sichtbaren Farben darstellt (Bild: NASA / Goddard / SDO AIA Team)

Naturgemäß halten wir das, was wir mit unseren Sinnesorganen beobachten können für “DIE Realität”. Aber die Astronomie zeigt uns, dass es noch ganz andere Welten zu sehen gibt. Das Universum sieht im Infrarotlicht völlig anders aus als im Radiolicht oder Röntgenlicht und es ist doch immer das selbe Universum. Die vielen Augen der Astronomie haben unser Verständnis der Welt komplett verändert und uns sehr viele neue Dinge verstehen lassen, auch wenn wir immer noch nicht in der Lage sind, diese anderen Welten direkt sehen zu können.

Einer der das zumindest ein bisschen konnte war der französische Maler Claude Monet. Aus gesundheitlichen Gründen nahm er die Welt anders wahr als der Rest seiner Zeitgenossen und diese unterschiedliche Wahrnehmung lässt sich auch an seinen Kunstwerken erkennen, wie dieses Video von It’s Okay To Be Smart zeigt:

January 23 2014

Ulises – Nanosatellitenstart als Space Opera [Flug und Zeit]

Künstler wagen sich auf unbekanntes Terrain. Das ist im Prinzip nichts Neues.

Ein wenig outgespaced ist es allerdings schon, was Juan José Díaz Infante bereits seit 2010 anvisiert – hier auf der Kosmica in London. Aber: “Warum sollen immer nur die Wisssenschaftler ihren Spaß beim Satellitenstart haben”. (Nun ja, :-) da gäbe es einige Gründe…)

Schon der Start wird als Oper zelebriert. Ein Satellit als “Instrument”, das eine Oper “aufführt”…
Passenderweise zum Aufbruch in komplettes Neuland für die Künstler heißt der Nanosatellit Ulises-I.

Ulises soll nun in 2014 vom Königreich Tonga im Südpazifik abheben zu einer polaren Umlaufbahn. Drei Monate soll die künstlerische Reise/zeitgenössische Oper/Performance dauern. Die Signale sollen über Amateurfunk auf dem 433-MHz-Frequenzband zu empfangen sein.

Juan José Díaz Infante ist Fotograf, Kurator und Direktor der Mexican Space Collective. Diese Gruppe von elf Künstlern möchte der mexikanischen Bevölkerung, die geprägt ist von Drogenkriegen und Chaos im Alltag, durch ihre Aktionen Inspriation und Hoffnung geben. Der Satellitenlaunch soll eine Plattform für künstlerische, ästhetische Experimente bieten, die den Horizont unserer täglichen Alltagswelt erweitern.

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Anmerkung am Rande:

Die Frage kommt bestimmt, warum sich ein deutsches Luft- und Raumfahrt-Blog mit mexikanischen Künstlern beschäftigt und nicht mit dem Wiederwecken der Rosetta Sonde, einem Ereignis, das die letzten Tage auf allen Informationskanälen rauf und runter gekaut wurde.

Genau deswegen.

Für die beteiligten Wissenschaftler war es das Ereignis, nach jahrelangem Warten. Das kann ich nachvollziehen.

Als Wissenschaftsjournalist, der vor knapp 10 Jahren den Start der Sonde live miterleben durfte und das Thema bereits damals des Langen und Breiten verarbeitet hat, war diese Woche technisch nichts Neues zu vermelden. Alle Informationen zur Mission, die in der Presse ausgewalzt wurden, sind seit einem Jahrzehnt veröffentlicht.

Wenn es also hier etwas zum Thema Rosetta und dem Kometen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko gibt, dann muss sich das von den derzeitigen Presseberichten unterscheiden. Mal sehen. ;-)

January 06 2014

Warum brauchen wir teure Teilchenbeschleuniger? [Astrodicticum Simplex]

Am 17. April 1969 musste der amerikanische Physiker Robert Wilson vor dem Komitee für Atomenergie des amerikanischen Kongress aussagen. Es ging um die Finanzierung eines neuen Teilchenbeschleunigers am Fermilab in Chicago. Senator John Pasture stellte Wilson dabei die Frage, die (in ähnlicher Form) fast immer gestellt wird, wenn es um die Finanzierung großer und teurer wissenschaftlicher Vorhaben geht.

“Ist zu erwarten, dass dieser Beschleuniger in irgendeiner Weise die nationale Sicherheit beeinflusst?” (“Is there anything connected in the hopes of this accelerator that in any way involves the security of the country?”)

Wilsons Antwort war klar:

“Nein, das denke ich nicht.” (“No, sir; I do not believe so.”)

Pasture fragte noch mal nach:

“Gar nicht?” (“Nothing at all?”)

Und Wilson bestätigte:

“Gar nicht. (“Nothing at all”)

Aber Pasture wollte nicht aufgeben und fragte ein drittes Mal nach, ob der neue Beschleuniger nicht doch irgendwie einen militärischen Zweck erfüllen könnte:

“Es gibt also wirklich keine solche Anwendung? (“It has no value in that respect?”)

Und Wilson stellte die Angelegenheit ein drittes Mal klar:

“Es geht hier um den Respekt mit dem wir uns gegenseitig betrachten. Es geht um die Würde des Menschen und die Liebe zur Kultur. Es hat mit diesen Dingen zu tun. Es hat nichts mit dem Militär zu tun. Es tut mir leid.” (“It only has to do with the respect with which we regard one another, the dignity of men, our love of culture. It has to do with those things. It has nothing to do with the military. I am sorry.”)

Ein letztes Mal wollte Pasture dann noch wissen, ob man aus dem geplanten Beschleuniger nicht vielleicht doch irgendeinen Nutzen im kalten Krieg mit der Sowjetunion ziehen konnte:

“Gibt es irgendeinen Aspekt dieses Projekts bei dem wir im Konkurrenzkampf mit den Russen stehen?” (“Is there anything here that projects us in a position of being competitive with the Russians, with regard to this race?”)

Und Wilson gab darauf seine berühmte Antwort, die heute noch genau so wichtig und richtig ist, wie sie es damals war:

“Höchstens wenn wir die langfristige Entwicklung von Technologie betrachten. Aber es geht um andere Fragen: Sind wir gute Maler, gute Bildhauer, große Dichter? Ich spreche von all den Dingen, die wir in unserem Land wirklich verehren. In diesem Sinne hat dieses neue Wissen alles mit Ehre und Vaterland zu tun, aber es hat nichts mit der Verteidigung unseres Landes zu tun. Es macht es nur wert, verteidigt zu werden.” (“Only from a long-range point of view, of a developing technology. Otherwise, it has to do with: Are we good painters, good sculptors, great poets? I mean all the things that we really venerate and honor in our country and are patriotic about. In that sense, this new knowledge has all to do with honor and country but it has nothing to do directly with defending our country except to help make it worth defending.”)

(Die komplette Anhörung kann man hier nachlesen)

Robert Wilson bei der Grundsteinlegung des Fermilab (Bild: Public Domain)

Robert Wilson bei der Grundsteinlegung des Fermilab (Bild: Public Domain)

Robert Wilson hätte sich natürlich leicht ein paar Argumente zurecht legen können, die andeuten, dass die Teilchenphysik am neuen Fermilab-Beschleuniger durchaus militärische Auswirkungen haben kann. Immerhin war er leitender Mitarbeiter am Manhattan-Projekt und wusste aus erster Hand, wie enorm die Auswirkungen der Kernphysik auf die militärische Lage waren. Der erste Test einer Atombombe erschütterte ihn so sehr, dass er sich nach dem Krieg sehr für die atomare Abrüstung engagierte.
Wilson hätte dem Kongress erklären können, dass große wissenschaftliche Projekte wie der Bau eines Teilchenbeschleunigers immer auch Spin-Offs liefern mit denen vorher niemand gerechnet hat. Wenn man neue technische Herausforderungen lösen muss und Dinge baut, die niemand zuvor gebaut hat, dann muss man zwangsläufig auch neue Techniken und Methoden entwickeln, die man sehr oft auch anderweitig einsetzen kann. Das beste Beispiel dafür ist das World Wide Web, dass am europäischen Kernforschungszentrums CERN eigentlich nur entwickelt wurde, damit die Wissenschaftler ihre Daten besser untereinander austauschen können. Heute hat es unsere gesamte Welt verändert. Und Beispiele dieser Art gibt es haufenweise. Es lohnt sich immer, etwas Neues zu machen und zu lernen, denn am Ende weiß man mehr als vorher und das rentiert sich früher oder später immer.

Aber das ist nicht der Punkt um den es geht. Das ist nicht das Argument, das Wilson gebracht hat und das ist nicht der Grund, warum wir Menschen Teilchenphysik (und all die andere Grundlagenforschung betreiben). Wir tun es nicht, weil wir hoffen irgendwann ein tolles neues technisches Gadget in den Regalen der Elektromärkte kaufen zu können. Wir tun es aus dem gleichen Grund, aus dem ein Maler ein Bild malt. Aus dem gleichen Grund, aus dem Musiker ein Lied komponieren und Schriftsteller Bücher schreiben. Der “Wert” der Grundlagenforschung ist der gleiche Wert, den ein Bild in einem Museum hat; ein Orchester in einer Philharmonie oder ein Theaterstück. Ein Bild, das in einem Museum hängt, hat keinen offensichtlichen Zweck. Es hängt dort, und wir gehen hin und schauen es uns an. Wir könnten alle Bilder in allen Museen dieser Welt zerstören und die Welt würde danach immer noch funktionieren (was sie nicht mehr würde, wenn wir zum Beispiel alle Computer dieser Welt zerstören oder alle Krankenhäuser). Aber es wäre eine Welt, die nicht mehr so lebenswert wäre wie eine Welt mit Bildern!

Wir Menschen sind nicht einfach nur Freß- und Fortpflanzungsmaschinen. Wir brauchen Kunst und Kultur genau so sehr wie wir auch Nahrung, Schutz und Wärme brauchen. Diese “wertlosen” Unternehmungen sind es ja erst, die uns Menschen zu Menschen machen und uns von reinen instinkgesteuerten Lebewesen abheben. Und genau so wie die Kunst ein Versuch ist, die Welt zu verstehen, ist das auch die Wissenschaft. Wir wollen wissen, wie die Welt beschaffen ist. Wir wollen wissen, wie sie im Innersten aufgebaut ist; wir wollen wissen, wie es auf anderen Planeten aussieht; wir wollen wissen, warum Sterne leuchten, warum Dinge nach unten fallen und warum Vögel fliegen können.

Die Erkenntnisse der Teilchenphysik sind für uns Menschen genau so wichtig wie die Bilder und Lieder unserer Künstler, die Bücher unserer Autoren und die Filme unserer Regisseure. Nichts davon ist wirklich notwendig, aber ohne all das wäre die Welt nicht mehr lebenswert weil sie keine menschliche Welt mehr wäre.

Genau so nützlich wie die Mona Lisa (Bild: CERN, CC-BY-SA 3.0)

Genau so nützlich wie die Mona Lisa (Bild: CERN, CC-BY-SA 3.0)

Zu fordern, man dürfe kein Geld mehr Wissenschaft ausgeben, weil anderswo Geld “viel dringender” gebraucht würde, ist genau so als würde man fordern, dass man kein Geld mehr für die Produktion neuer Kinofilme ausgeben dürfte (Pro Jahr werden 300 Millionen Euro an staatlicher Filmförderung in Deutschland ausgegeben, der Mitgliedsbeitrag den Deutschland pro Jahr an die Kernforschungsorganisation CERN zahlt beträgt dagegen nur knapp 180 Millionen Euro). Oder kein Geld mehr für den Erhalt von Museen, Theatern, Opern oder Orchestern. Natürlich soll man sich immer überlegen, wofür und wie viel man Geld ausgibt und ob es anderswo vielleicht sinnvoller eingesetzt werden kann. Aber man darf “Sinn” nicht immer nur rein nach finanziellen Maßstäben beurteilen.

Würde die Welt von heute auf morgen die Grundlagenforschung einstellen, dann würde deswegen kein hungerndes Kind aufhören zu hungern. Keine kriegsführenden Nationen würden plötzlich Frieden schließen. Zerstörte Umwelt würde nicht plötzlich wieder sauber und intakt werden. Wir hätten einfach nur aufgehört, neue Dinge über die Welt zu lernen. Und wenn wir das tun, dann verbauen wir uns jede Chance, irgendwann einmal wirkliche Lösungen für Hunger, Krieg und Umweltzerstörung zu finden.

Wilsons Antwort an die Fragen des Ausschuss des Kongresses bezog sich zwar auf die USA und den kalten Krieg. Aber sie lässt sich ohne Probleme auf die ganze Welt erweitern. Wenn wir Menschen aufhören, die Welt um uns herum verstehen zu wollen, dann hören wir auch auf, Menschen zu sein.

(Die Geschichte von Wilson und der Anhörung vor dem Kongress habe ich übrigens im Buch “The Particle at the End of the Universe: How the Hunt for the Higgs Boson Leads Us to the Edge of a New World” von Sean Carroll gelesen. Ein höchst großartiges Buch, dass ich sicher demnächst noch genauer vorstellen werde.)

November 08 2013

Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie (II)

Drei weitere Vorträge, der bereits ausgiebig gewürdigten Reihe der Kritischen Interventionen (Halle) zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik, können wir dokumentieren: Detlev Claussen mit Thesen zur Aktualisierung der Kritik von Kulturindustrie und Halbbildung, Roger Behrens mit Anmerkungen zu Faschismus, Avantgarde und Befreiung in der verwalteten Welt und Rüdiger Dannemann über die späte Ästhetik bei Georg Lukács.

Detlev Claussen: Thesen zur Aktualisierung der Kritik von Kulturindustrie und Halbbildung

Detlev Claussen, der bei Horkheimer, Adorno und Habermas studierte und zu den wenigen Gesellschaftstheoretikern gehört, die sich auch heute noch der Kritischen Theorie verpflichtet fühlen, wurde eingeladen um Thesen zu Kulturindustrie und Halbbildung im 21. Jahrhundert zu formulieren. Tendenz: Stark anekdotisch und nicht ohne Humor.

Ankündigung:

Vor mehr als sechzig Jahren publizierten Horkheimer und Adorno ihre Thesen zur kapitalistischen „Kulturindustrie“, die alle Kunst und alle Kultur in Warenform presst und nur noch Produzenten und Konsumenten kennt. Hatte bürgerliche Kunst in ihren Augen den Profit „nur mittelbar“ angestrebt, und ein autonomes Wesen bewahren können, sei das Neue an der Kulturindustrie des 20. Jahrhunderts „der unmittelbare und unverhüllte Primat der ihrerseits in ihren typischsten Produkten genau durchgerechneten Wirkung. Geistige Gebilde kulturindustriellen Stils sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch.“ Doch nicht nur die Warenförmigkeit der Kulturgüter in Zeiten des warenproduzierenden und -tauschenden Kapitalismus kritisierten die beiden, sondern vielmehr ihren spezifisch ideologischen Gehalt, der das Bestehende naturalisiert und den status quo rechtfertigt: „Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken“. Vor einigen Jahrzehnten war neben der allgegenwärtigen Reklame dabei vor allem an die Filmindustrie zu denken, in Deutschland insbesondere an Heimatromane und -filme, dann an sogenannte Soaps. Sie alle präsentierten den vereinzelten Konsumenten Einzelcharaktere und „Einzelschicksale“, und immer auch ihre Versöhnung mit ihren Problemen und damit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen („happy end“).
In einem ganz ähnlichen Zusammenhang kommentierte Heiner Müller: „Am Verschwinden des Menschen arbeiten viele der besten Gehirne und riesige Industrien. Der Konsum ist die Einübung der Massen in diesen Vorgang, jede Ware eine Waffe, jeder Supermarkt ein Trainingscamp.“ Die in den letzten Jahren stattfindende Verschiebung hin zu sogenannten Reality-Formaten im Fernsehen lässt die Rede vom Trainingscamp in neuem Licht erscheinen. Denn massenmediale Formate wie das Dschungelcamp oder die zahlreichen Talentwettbewerbe scheinen Training für eine neue gesellschaftliche Situation zu bieten – die in Zeiten der Krise endgültig zerfallende bürgerliche Gesellschaft, in der die Konkurrenz aller gegen alle auf eine neue Stufe gehoben wird, und wo die offene Erniedrigung und Entmenschlichung von Konkurrenten unvermittelter und unverschleierter sich durchsetzt, als jemals zuvor.
Und auch auf einer anderen Ebene ist von einer Zäsur zu sprechen. Das Internet hat das gesellschaftliche Leben auf allen Ebenen in noch nie dagewesener Stärke durchdrungen. Sogenannte soziale Netzwerke „digitalisieren“ reale Beziehungen, permanente Erreichbarkeit und freiwillige Selbstentblößung auf facebook spiegeln scheinbar Entwicklungen auf dem postfordistischen Arbeitsmarkt. Anonymität bietet gleichzeitig Möglichkeiten der Ermächtigung, aber auch der Barbarei. Der „shitstorm“ ermöglicht die anonyme Beteiligung am mächtigen und strafenden Mob, eine gefahrlose Möglichkeit der Befriedigung des narzißtischen Bedürfnisses aus dem heimischen Wohnzimmer. Und auch die „Halbbildung“ der Menschen verändert sich, die Möglichkeit des Abrufens von tagesaktuellem, historischem, enzyklopädischen Wissen zu jeder Zeit und überall, verbunden mit einem Verlust von individuell angeeignetem und internalisierten Wissen führt zu neuen Quantitäten und Qualitäten des „Meinens“.

Referat:

    Download: via AArchiv (mp3)

Diskussion:

    Download: via AArchiv (mp3)

Vor dem Vortrag sendete Radio Corax einen Beitrag, der stärker als der Vortrag auf die Ambivalenz des Internets und die Halbbildung im 21. Jahrhundert eingeht.

Einen Tag nach dem Vortrag bat ebenfalls Radio Corax Claussen zu einem 45 minütigen Gespräch ins Studio.

Roger Behrens: Ästhetik des Widerstands – Politisierung der Kunst Anmerkungen zu Faschismus, Avantgarde und Befreiung in der verwalteten Welt

Ausgehend vom sehr empfehlenswerten Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ (Peter Weiss), konstatiert Roger Behrens die Wendung ins affirmativ-banale aller Versuche einer Politisierung der Kunst (Walter Benjamin). Da Behrens eine klassische Vorstellung des Buches umgeht, sei vorab auf einen einführenden Beitrag vom FSK über die Hörspielfassung des Romans verwiesen.

Ankündigung:

Walter Benjamin forderte in seinem Aufsatz ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ von 1936 gegen die Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst. Welche Kunst und welche Politik waren damit gemeint? Benjamin stellte die Forderung zu einem Zeitpunkt, zu dem klar sein musste, dass die künstlerischen Avantgarden wie auch die emanzipatorische Linke gleichermaßen gescheitert waren: von den Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft korrumpiert, vom Faschismus, Nationalsozialismus, aber auch Stalinismus vernichtet, schien sich unter Bedingungen des Terrors jede politische wie ästhetische Form der Kritik theoretisch wie praktisch zerschlagen zu haben. Und zwar nicht zuletzt deshalb – mithin ist das die dialektische Volte in Benjamins Postulat –, weil die Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst tendenziell unmöglich macht, wie auch, könnte man hinzufügen, das kommunistische Projekt überhaupt. Gleichwohl finden sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ab Ende der vierziger Jahre und dann vor allem seit den Fünfzigern zahlreiche Versuche, diese Politisierung der Kunst umzusetzen, mit unterschiedlichsten Ansprüchen und Vorstellungen von dem, was »Politisierung« und was »Kunst« bedeutet – Abstrakter Expressionismus, Pop-Art oder der Antiformalismus des Sozialistischen Realismus sind hierfür paradigmatische Entwicklungen. Als »Politisierung der Kunst« entsteht jetzt (erst!) eine so genannte Gegenwartskunst – als konstitutives Segment der fortgeschrittenen Kulturindustrie, und damit als integrales Moment der Ästhetisierung der Politik. Überdies verdichtet sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Ästhetisierung der Politik zur ›Gesellschaft des Spektakels‹; und gegen diese kann eine Politisierung der Kunst nur in der doppelten Aufgabe gefasst werden kann: als Aufhebung von »Politik« wie »Kunst« gleichermaßen. Indes kann »Politisierung der Kunst« jedoch auch heißen, gerade in Konfrontation zur Ästhetisierung der Politik, dass sich die radikale Kritik beziehungsweise die wirkliche Bewegung auf die vorhandene Kunst beschränken muss, also in der Kunst ein Abseits, einen Zufluchtsort, ein Exil, einen Überlebensraum findet, wenn unter gegebenen Bedingungen eine emanzipatorische Politik als revolutionäre Praxis gesellschaftlich nicht mehr machbar ist. »In der Kunst« meint dabei nicht, politische Praxis in die Praxis des Künstlers umzuwandeln, im Sinne von »Kunst machen«, sondern: sich auf die Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künsten einzulassen – und das heißt: revolutionäre Praxis, die als praktische Revolution außer Kurs gesetzt ist, in die – letztendlich bereits musealisierte – Kunst zu verlegen, um dort Geschichte als Ästhetik des Widerstands fortzusetzen. Diese Ästhetik des Widerstands findet in der Kunst und den Künsten ihren Fluchtpunkt, der auch Ausgangspunkt ist; insofern ist die Ästhetik des Widerstands nicht auf die Kunst beschränkt, nicht an die Künste gebunden. (Es ist keine Rettung der Kunst, um der Kunst willen; nur so ist die Ästhetik des Widerstands in ihrer reflexiven Ambivalenz zu verstehen, widerständige Ästhetik und ästhetischer Widerstand zu sein. Die Ästhetik des Widerstands als Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künsten ist zugleich Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit der Vergangenheit, ihrem Ungleichzeitigen und Unabgegoltenen; und diese Auseinandersetzung ist als Ästhetik des Widerstands auch der Versuch, sich als historisches Subjekt seine Identität zu sichern: als »verlebendigte Erfahrung«). ›Die Ästhetik des Widerstands‹ ist der Titel eines Romans von Peter Weiss, geschrieben und veröffentlicht 1975 bis 1981. Anfang der achtziger Jahre gründen sich zu dem Buch zahlreiche Lesegruppen; die Auseinandersetzung mit dem Roman steht im Kontext der gesellschaftlichen – und im engeren Sinne »politischen« – Entwicklungen der siebziger und frühen achtziger Jahre; sie ist wesentlich nicht akademisch organisiert, sondern wenn institutionell, dann eher gewerkschaftlich. Viele junge Leute beteiligen sich. Die Lektüre des umfangreichen Buchs erweist sich als sperrig. Auch wenn es sich um einen Roman handelt, wird ›Die Ästhetik des Widerstands‹ als Theorieentwurf diskutiert; allein der Titel hat theoretisches Potenzial, klingt schon nach einer emanzipatorischen Parole. Thematisiert wird das – damals ohnehin virulente – Problem einer Aufarbeitung der Vergangenheit, für die Peter Weiss’ ›Ästhetik des Widerstands‹ als Modell genommen wird. Doch es geht nicht unmittelbar um die Vergangenheit, die Weiss als Gegenwart beschreibt (die nazideutsche Gesellschaft), sondern um das Nachleben dieser Vergangenheit in der Gegenwart. Der Faschismus, von dem ›Die Ästhetik des Widerstands‹ handelt, korrespondiert mit den Veränderungen der Verhältnisse von Individuum, Gesellschaft und Staat in der Zeit, in der Peter Weiss’ Roman erscheint – und die von vielen, die den Roman diskutieren, als »Faschisierung« begriffen wird. Im Verlauf der neunziger Jahre verschwindet das Interesse an Peter Weiss und der emanzipatorischen Aktualisierung der ›Ästhetik des Widerstands‹; die wirkliche Bewegung der radikalen Linken läuft ins Leere, die Versuche einer Politisierung der Kunst wenden sich ins affirmativ-banale – wobei mit der Ausweitung des »Kunstfeldes« gleichzeitig ein umfangreiches und vielfältiges »Politisch-Werden« der Kunst reklamiert wird, das sich in der allgemeinen kulturellen Formierung widerspiegelt. Wenn sich nun heute eine Ästhetik des Widerstands verwandelt als »Ästhetik der Politik« beziehungsweise die Politisierung der Kunst als »Politik des Sinnlichen« wiederholt, ist zu diskutieren, ob das konsequente Aktualisierungen oder ebenfalls konsequente Depotenzierungen kritischer, geschichtsmächtiger Praxis sind.

Referat:

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Diskussion:

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Rüdiger Dannemann: Die späte Ästhetik Georg Lukács’ und ihre “Vorgeschichte”

Vor 50 Jahren veröffentlichte Georg Lukács Die Eigenart des Ästhetischen, die nach ihrem Erscheinen auf wenig Resonanz stieß. Rüdiger Dannemann, Vorstandsmitglied und Mitbegründer der Internationalen Georg Lukács Gesellschaft, erklärt sich das Ausbleiben einer ernsthaften Auseinandersetzung auch in einer angeblichen Aversion, die im Umfeld der Kritischen Theorie gegen den Dogmatiker und Intimfeind gepflegt wurde.

Ankündigung:

Während das philosophische und ästhetische Frühwerk von Georg Lukács („Die Seele und die Formen“ und „Die Theorie des Romans“) als epochemachende Leistung Anerkennung findet (etwa bei Adorno oder Bloch oder Agnes Heller und Judith Butler), scheiden sich an seinem Spätwerk die Geister. Während einige der Rezipienten „Die Eigenart des Ästhetischen“ (1963) als erste marxistische Ästhetik von Rang betrachten (etwa Nicolas Tertulian in Frankreich, Guido Oldrini in Italien oder Georg Bollenbeck, Hans Heinz Holz und Thomas Metscher hierzulande), stößt das Werk, das selbst Gegner als „genialen Irrtum (Vladimir Karbusicky) einstufen, beim Mainstream der hiesigen Literaturwissenschaftle​r auf Ablehnung bzw. Desinteresse. Es lässt sich aber zeigen, dass Lukács‘ ästhetischer Ansatz ähnlich wie seine Verdinglichungstheorie durchaus aktuelle Relevanz besitzt. In meinem Vortrag möchte ich darauf eingehen, wie Lukács‘ ästhetischer Ansatz (Sziklai spricht von einer „kommunistischen Ästhetik“) in den 1930er Jahren entstanden ist und welche Reaktionen seine kritischen Einmischungen provozierten. An den diversen Lukács-Debatten beteiligten sich immerhin Intellektuelle von Ruf wie Adorno, Bloch, Becher, Brecht, Bürger, Döblin, Gallas, Thomas Mann, Mittenzwei, Anna Seghers u.v.a. Ein Symptom dafür, welchen Stellenwert Lukács‘ ästhetischer Diskurs im 20. Jahrhundert besaß. Es ist eine offene Frage, wie Lukács‘ Werk in eine kritische Literaturwissenschaft des 21. Jahrhunderts einzuordnen ist und ob eine Synthese werk- und rezeptionszentrischer Ästhetiken (Almasi) möglich ist. Zur Diskussion steht die Frage, ob eine kritisch-engagierte Literaturwissenschaft, die diesen Namen verdient, auf die Impulse und Intuitionen der großen Ästhetik Lukács‘ verzichten kann bzw. verzichten sollte.

Referat:

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Diskussion:

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Beachtenswert auch ein vor der Veranstaltung geführtes Interview mit Dannemann

Tags: Detlev Claussen, Georg Lukács, Gesellschaftskritik, Halle, I cant relax in Deutschland, kritische Theorie, Kunst, Peter Weiss, Radio Corax, Roger Behrens, ruediger dannemann

July 27 2013

Max Ernst: Roter Wald (1970)




(Gefunden bei gh2u.tumblr.com)

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Tags: Kunst

July 25 2013

Ethel Spowers: Wet Afternoon





Wet Afternoon, 1929-1930: Ethel Spowers (1890–1947)

(Gefunden bei hollyhocksandtulips.tumblr.com)

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Tags: Kunst

Regen auf der Windschutzscheibe








Hyperrealistische Gemälde von Elizabeth Patterson

(Gefunden bei thisiscolossal.com)

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Tags: Kunst

July 14 2013

Die manipulierten sowjetischen Propagandaplakate von Carlo Miccio










Dank für den Tip an Max Ackermann!

(Gefunden bei printmag.com)

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Tags: Kunst

July 12 2013

Eric Edward Esper: Green Hornet Streetcar Inferno




“Green Hornet Streetcar Inferno” aus der Serie “Chicago Disasters” (2013)

(Gefunden bei mudwerks.tumblr.com)

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Tags: Kunst

July 10 2013

Holger Lippmann: transcendental abstractionism




Die Website von Holger Lippmann:

(Gefunden bei gh2u.tumblr.com)

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Tags: Kunst
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July 03 2013

Erstbesteigung der Hochtomate ohne Einkaufsnetz





(Gefunden bei zestyblog.tumblr.com)

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Tags: Kunst

June 15 2013

Federico Pietrellas Datumsstempelgemälde













Die Website von Federico Pietrella

(Gefunden bei artemisdreaming.tumblr.com)

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Tags: Kunst

June 11 2013

August Macke: Sitzende




(Gefunden bei wikipaintings.org)

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Tags: Kunst

June 07 2013

Photographische Rundschau und Photographisches Centralblatt, 1905






Charles Job: Evening Calm



Ernst Müller: Untitled Tree Reflection



Dr. Felix Muhr: Weiblicher Akt


(Gefunden bei photoseed.com)

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Tags: Kunst
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Die modernen Madonnen von Chris Shaw











(Gefunden bei chrisshawstudio.com)

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Tags: Kunst

May 23 2013

Die Käsegemälde von Mike Geno










Die Website von Mike Geno.

(Gefunden bei faithistorment.com)

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Tags: Kunst

May 21 2013

René Quillivic: Le voilier (1920)




Die Wikipedia über den französischen Maler und Bildhauer René Quillivic (1879–1969).

(Gefunden bei gh2u.tumblr.com)

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Tags: Kunst
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May 20 2013

Wassily Kandinsky mit Katze




Die Wikipedia über den russischen Maler Wassily Kandinsky.

(Gefunden bei yourcatwasdelicious.tumblr.com)

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May 17 2013

Enrico Robusti




Über den italienischen Maler Enrico Robusti.

(Gefunden bei gh2u.tumblr.com)

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Tags: Kunst

May 13 2013

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