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February 26 2014

February 25 2014

February 07 2014

Umfrage bestätigt: Die Hälfte aller Briten kennt die Geschichte Noahs nicht [zoon politikon]

Erwachsene finden zwar die Bibel böte eine wichtige Grundlage für die Moral, kennen aber kaum deren Inhalt. Viele könnten die Geschichte aus Filmen wie Harry Potter nicht von Geschichten aus der Bibel unterscheiden. Verlockende Schlagzeilen, die heute der World Service der BBC so oder ähnlich verbreitet wurden. Atheistinnen und Atheisten haben diesen Ball gerne aufgenommen und verbreiteten die Nachricht in den sozialen Netzwerken. Interessant wie schnell manche ihre Skepsis ablegen, sobald es um eine Aussage geht, die dem eigenen Weltbild entgegenkommt.

Man tut gut daran Berichte über Umfrageresultate mit gesunden Zweifeln zu begegnen: Ein guter Anfang ist die Frage wer sie in Auftrag gegeben hat und von wem sie durchgeführt wurde. Die Antwort darauf gibt oft Hinweise, auf eine allfällige Agenda die dahinter steht und ob die Resultate vielleicht in eine bestimmte Richtung gedrückt werden. Besteht diesbezüglich ein Verdacht, dann kann man eine Schicht tiefer graben. Findet man die eigentliche Umfrage, lohnt es sich in den Anhang zu schauen um die Methode genauer zu studieren (fehlt ein solcher, dann kann man das ganze gleich unter irrelevant ablegen). Die zwei einfachsten Fragen anschliessend für eine Analyse aus dem Ohrensessel sind jene nach der Repräsentativität und nach der Fragestellung. Letzteres genügt im vorliegenden Fall schon um festzustellen, dass bei der hier zitierte Umfrage grosse Zweifel über deren Wert angebracht sind. Eine weitere Frage die man sich stellen kann, ist natürlich jene nach selektiver Berichterstattung, diese kann aber auch bei seriösen Umfragen ein Problem sein, weil jemand Rosinen pickt oder sich schlicht für die reisserische Ausschlachtung entscheidet. In diesem Fall liegt das Problem aber bei der Umfrage selber.

Das Umfragerbenis passt der Auftrageberin verdächtig gut ins Konzept. Es handelt sich um die Bible Society deren Ziel es ist, eine möglichst weite Verbreitung und Kenntnis der Bibel zu fördern. Entsprechende Werbe-Zitate der Organisation findet man dann auch in der BBC Berichterstattung wieder (z.B. “The Bible enriches life, and every child should have the opportunity to experience it.”). Die Informationen zur Methode im auf Hochglanz getrimmten Bericht sind sehr dünn und kaum einzuschätzen. Gehen wir also davon aus, dass es an der Repräsentativität nichts zu meckern gibt. Immerhin werden uns die gestellten Fragen als Editor’s Notes präsentiert. Schaut man sich diese an, versteht man auch warum 46% (was natürlich zu “rund die Hälfte” wird)  aller Erwachsenen Noah nicht in der Bibel verortete aber Dan Browns Da Vinci Code hingegen schon. Hier ist wie die beiden Geschichten von ihrem Kontext befreit wurden (die genaue Fragestellung kennen wir nicht, wir wissen nur, dass die Erwachsenen befragt wurden ob es sich um Bibelgeschichten handeln würde):

In a world threatened by environmental disaster, one family embarks on a radical plan to survive and start a new life.

In einer Welt die von einer grossen Umweltkatastrophe bedroht wird, macht sich eine Familie an die Umsetzung eines radikalen Plans zum Überleben und um ein neues Leben zu beginnen.

An unexplained death triggers a quest to uncover the truth about Jesus’ family

Ein unerklärter Tod löst ein Suche zur Aufdeckung der Wahrheit über Jesus Familie aus.

Klingt beides nach Hollywood Trailern in meinen Ohren. Die Erwähnung des Namens “Jesus” ist natürlich ein sanfter Schubs in die richtige Richtung, bedenkt man dass schon subtilere Änderungen von Fragen Resultate beträchtlich beeinflussen können. Es erstaunt nicht, dass ein grosser Prozentsatz der Erwachsenen so selbst bei sehr bekannten Geschichten an der Zuordnung scheitern.

Nun glaube ich tatsächlich, dass es stimmt, das viele die sich auf die Bibel berufen, diese oft nicht sehr gut kennen oder sich nur sehr selektive erinnern wollen (wie dies auch bei Buch- und Text Fundamentalismen anderer Couleur der Fall ist). Nun sollte man aber nicht, nur weil es die eigenen (Vor-)Urteile bestätigt, darum unbesehen Werbeaktionen der Bible Society unterstützen. Skepsis darf nicht bei den eigenen Überzeugungen aufhören. Im Gegenteil.

February 04 2014

Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht – wegen Haiflossensuppe und “Medizin“ [Meertext]

Dornhai (Wikipedia)

Dornhai (Wikipedia)

Heute geht es mal um Haie.
Der Bericht einer Haiexperten-Gruppe hat gerade gezeigt, dass ein Viertel Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit vom Aussterben bedroht sind.
Der Bericht ist von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben.
Durch ein Gespräch mit meiner Studienkollegin und langjährigen Freundin Heike habe ich die Tragweite erst richtig erfasst. Wir haben also gemeinsam einen Beitrag geschrieben und ein ergänzendes Interview gemacht (das gibt es erst morgen).

Artenschutz ist ein schwieriges Thema, weil oft mit Schätzungen und Extrapolationen gearbeitet werden muss. Ich bin im vorliegenden Fall aber fest davon überzeugt, dass diese Haischützer nicht grundlos Alarm schlagen, sie haben Jahrzehnte mit den Tieren gearbeitet und kennen “ihre” Bestände recht genau. Wir sollten die Ergebnisse dieses Berichts sehr ernst nehmen!

Eine neue, erschreckende Studie der IUCN (International Union for Conservation of Nature = Weltnaturschutzunion) zeigt: Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht!

Die Flossen der Haie und die Kiemen der Rochen sind kostbare Zutaten für Haiflossensuppe und  traditionelle chinesische Medizin. Auch das Fleisch der Tiere wird gegessen, das Öl zu Lebertran verarbeitet und Haut und Knorpel zu vielen anderen Produkten verarbeitet.

Über zwei Jahrzehnte lang hat die Hai-Expertengruppe der IUCN alle Fakten über den Gefährdungsstatus von mehr als 1,000 Knorpelfischarten zusammengetragen: Vorkommen und Verteilung der Arten, Lebensraumnutzung, Fangzahlen, Maßnahmen zum Fischereimanagement, Bedrohungen und Schutzbemühungen. Auf der Basis dieser umfassenden Datensammlung konnten sie den Gefährdungsstatus von Knorpelfischen, also Haien, Rochen und Chimären, bewerten.
Das Ergebnis der mehr als 300 Experten war erschreckend: Von 1041 bewerteten -Arten sind 249, also etwa ein Viertel, bedroht (Nicholas K. Dulvy et al: „Extinction risk and conservation of the world’s sharks and rays”)

Die „Rote Liste“
Die IUCN bewertet aufgrund aller Informationen den Status von Arten und ordnet sie in 10 Kategorien ein. Die Kategorien „vom Aussterben bedroht“ (CR: Critically Endangered), „stark gefährdet“ (EN: Endangered) und „gefährdet“ (VU: Vulnerable) bezeichnen die gefährdeten Arten.
Die potenziell gefährdeten Arten (NT: Near Threatened)  sind (noch) nicht gefährdet. Die Schwellenwerte werden aber nur knapp unterschritten, die Arten könnten in naher Zukunft in die Gefährdungsstufen kommen.
Andere Kategorien sind entweder für bereits ausgestorbene Arten vorgesehen oder für nicht unmittelbar gefährdete. Kann die Gefährdung einer Art aufgrund der unzureichenden Daten nicht beurteilt werden, erhält sie die den Status „ungenügende Datenlage“  (DD: Data Deficient). Aus all diesen Informationen erstellt die IUCN die Rote Liste gefährdeter Arten – ein grundlegendes Instrument im Dienst des weltweiten Artenschutzes.
Entsprechend dieser Klassifizierung sind
- 107 Rochenarten und  74 Haiarten  „gefährdet“ (CR, EN,VU)
- 132 Arten sind „potentiell gefährdet“ (NT)

Die Experten haben insgesamt nur ein Drittel als „nicht gefährdet“ bewertet. Das ist, der niedrigste Anteil an nicht unmittelbar gefährdeten Arten aller Wirbeltiergruppen!
Bei 132 Arten konnten sie wegen der ungenügenden Datenlage keine Aussage treffen.  Sie gehen aber davon aus, dass  ein ähnlich großer Prozentsatz der Arten gefährdet ist.
Insgesamt sind 249 Arten – also ein Viertel aller Arten – gefährdet!

Haie und Rochen – biologische Fakten
Haie und Rochen schwimmen seit 420 Millionen Jahren in unseren Ozeanen.
Durch das Aussterben von Hai- und Rochenarten würde die Erde Arten verlieren, die eine einzigartige Evolution durchlaufen haben. Knorpelfische sind Repräsentanten einer langen Ahnenreihe, die bis in die Tiefen der Wirbeltierentwicklung zurückreicht. Urhaie und –rochen waren (neben den Placodermen) die ersten Wirbeltiere, die Kiefer und ein Gehirn entwickelt haben. Daneben haben Haie auch ein plazentaähnliches Organ und ein Immunsystem, deren Entstehung  wahrscheinlich ebenfalls sehr früh in der Erdgeschichte fiel.
Hai- und Rochenarten sind besonders anfällig für Bedrohungen, weil sie spät geschlechtsreif werden, ein hohes Lebensalter erreichen und sich nur in geringer Anzahl fortpflanzen.

Besondere Schwerpunkte der Überfischung von Haien und Rochen liegen im indo-pazifischen Raum, hier besonders im Golf von Thailand, im Mittelmeer und im Roten Meer. Fischerei und Lebensraumzerstörung tragen am meisten zur Gefährdung von Arten bei. Dabei sind Haie und Rochen in flachen Gewässern stärker gefährdet als Tiere der Hochsee, weil hier der menschliche Einfluss durch Fischerei und Umweltzerstörung am höchsten ist.

Die am meisten gefährdete Gruppe von Knorpelfischen sind die Säge- und Geigenrochen, die vor allem auf Lebensräume in Küstennähe, in Flussläufen und Mündungsgebieten angewiesen sind. Die Kinderstuben vieler tropischer Haie sind im Mangrovenbereich oder gar Flussmündungen zu finden. Auch die Stechrochen im Flachwasser aber vor allem die Süßwasserarten in den tropischen Flüssen und Seen Südamerikas sind vor allem wegen der regional stark eingeschränkten Verbreitung und der großen Nähe zum Menschen besonders gefährdet, erläutert die deutsche Haiexpertin Heike Zidowitz (Universität Hamburg, Deutsche Elasmobranchier- Gesellschaft e. V.).

Knorpelfische pflanzen sich nur langsam fort – da sie nur wenige Fressfeinde haben und lange leben, blieb so das ökologische Gleichgewicht gewahrt.
Haie sind erfolgreiche Jäger und Räuber der Meere, viele stehen an der Spitze der Nahrungsnetze. Damit sind die großen Knorpelfische entscheidend wichtige Regu­lationsfaktoren in den ozeanischen Ökosystemen  – ihre Ausrottung würde grundlegende Veränderungen bedeuten.
In Meeresgebieten, in denen die Haibestände dezimiert sind, gerät die Ökologie des Meeres aus dem Gleichgewicht. So haben Studien aus der Karibik gezeigt, dass sich ohne Haie die Zackenbarsche sehr stark vermehren. Zackenbarsche fressen dann besonders viele Fische, die ihrerseits Algen abweiden. Dadurch haben sich dann die Algen so stark vermehrt, dass sie die Korallenpolypen überwucherten und letztendlich Riffe zum Absterben brachten (Deutsche Elasmobranchier-Gesellschaft e. V.: Ökologie).

Haiflossensuppe, Schillerlocke und Traditionelle Chinesische Medizin
Haiflossensuppe ist ein traditionelles chinesisches Gericht. Die Haiflossen geben der Brühe eine gelatinöse Konsistenz – die Suppe wird wohl eher wegen dieser Konsistenz als wegen des Geschmacks gegessen. Eine solche Suppe ist teuer – sie kostet pro Teller $200, damit ist sie weniger Nahrung, als vielmehr Prestigeobjekt. Bei Banketten und auf Hochzeiten wird Haiflossensuppe serviert, um zu zeigen, dass die Gastgeber es sich leisten können.

Haiflossensuppe wird auch in Deutschland und anderen EU-Ländern angeboten, aber nur in sehr geringer Menge und Qualität. Preislich steht sie hier in keinem Vergleich zu den asiatischen Ländern, es gibt hier kaum einen Markt dafür. In Nordamerika steht sie  in den Chinatowns der Großstädte auf den Speisekarten, erreicht aber auch dort nicht das Ausmaß der asiatischen Absatzzahlen (European Elasmobranch Association: „European Shark Fisheries“, 2007).

Die EU ist am Haifang massiv beteiligt, vor allem vor allem Spanien und Portugal, aber auch Frankreich und das Vereinigte Königreich. Die EU-Flotte fängt etwa ein Viertel der Flossenlieferungen nach Asien, wobei die Haie weltweit in allen Meeresgebieten also  auch außerhalb von EU-Gewässern, gefangen werden. Die Flossen gehen fast ausschließlich auf die asiatischen Märkte, während das Fleisch eher in Europa konsumiert wird. In Italien wird viel Haifleisch gegessen, in England und Deutschland wird Dornhai als „rock salmon“ und „Schillerlocke“ verspeist und in Frankreich, Belgien und den Niederlanden stehen Rochenflügel auf der Speisekarte, um nur einige Beispiele zu nennen.

Haie werden überwiegend mit Langleinen gefischt, andere gehen als  Beifang in die Netze. Eine besonders grausame Fischerei-Methode, die bei Haien leider oft angewendet wird, ist das Finning: Dabei werden Haien nur die Flossen abgeschnitten, der Körper des Tieres wird zurück über Bord geworfen. So werden oft auch noch lebende Tiere mit abgeschnittenen Flossen ins Meer geworfen, wo sie dann qualvoll verenden. Das Finning ist in der EU mittlerweile verboten.

Neben „Delikatessen“ wie Haiflossensuppe ist auch der Markt für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ein gigantisches Problem für die Knorpelfische. Rochenkiemen sind ein Bestandteil solcher TCM-Mittelchen.

Hai- und Rochenschutz jetzt!
Die Gefährdung der Bestände ist den verantwortlichen Stellen in den Fischerei- und Naturschutzbehören seit langem bekannt, meint Dr. Nick Dulvy von der Simon Fraser University. Er ist Vorsitzender der IUCN-Shark Specialist Group (*) und Hauptautor des Berichts „Extinction risk and conservation of the world’s sharks and rays”.
Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten sind jetzt akut vom Aussterben bedroht – auch wegen der wachsenden Nachfrage nach Haiflossensuppe, so Dulvy, aber bisher sind kaum konsequente Schutzbemühungen umgesetzt worden. „Fischerei-Manager und Behörden müssen endlich realisieren, dass wir unsere Zukunft essen. Wenn wir nicht endlich eine nachhaltigere Fischerei betreiben, haben wir morgen nichts mehr zu essen“ sagte Dulvy in einem Interview mit Global News.

Wiegt das Prestige eines Tellers gelatinöser Haiflossensuppe es auf, diesen eleganten, langlebigen Fisch zu Suppe zu verarbeiten?
Wir benötigen jetzt starke Maßnahmen zum Schutz der Haie und Rochen!
Weltweit und sofort!

(Ein Riesen-Dankeschön an Dipl.-Biol. Heike Zidowitz, die mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat und für ihre unschätzbare Hai-Sachkenntnis, ohne die dieser Beitrag nicht erschienen wäre).

(*): Die IUCN Shark Specialist Group besteht aus  führenden Knorpelfisch-WissenschaftlerInnen und einigen professionellen Artenschutz-Experten, die in die Regionalgruppen berufen werden. Es sind also vornehmlich Meeresbiologinnen und -biologen, die sich mit den Beständen in ihren Regionen, so weit es die Daten überhaupt zulassen, sehr gut auskennen. Man muss in die Gruppe eingeladen werden. Die daten erscheinen in wissenschaftlichen Journalen (peer-reviewed)  und sie  wissenschaftliche Empfehlungen ab und beraten Regierungen.

 

 

February 02 2014

Impfen ohne Nadelstich. Das “Nanopatch” macht es möglich. [Chevoja]

Viele lassen sich nicht Impfen, weil sie den Einstich der Spritze vermeiden wollen oder sogar an einer Spritzenangst leiden. Somit werden sich viele über das neue “Nanopatch” eines australischen Forscherteams freuen. Diese schmerzfreie Methode verwendet einen trockenen mikrostrukturierten “Stempel”, der den Impfstoff sogar effizienter wirken lassen kann.

Zwei Dinge vorweg:
- Es handelt sich nicht um ein weiterentwickeltes Medikamentenpflaster.
- Auch wenn es “Nanopatch” heißt, ist da dennoch kein nano drin. Die verwendeten Strukturen sind im Mikrometerbereich.

Seit einigen Jahren arbeitet die Gruppe um Prof. Mark Kendall an mikrostrukturierten Oberflächen, mit denen es möglich wird, Impfstoffe so in die Hautschichten zu injizieren, dass sie die Abwehrmechanismen des Körpers optimal aktivieren, ohne dass die Haut durchstochen werden muss.
Damit wird keine Spritze mehr benötigt, der Preis pro Impfung wird geringer und da der Wirkstoff trocken ist, wird die Haltbarkeit vervielfacht.

Kendall hat seinen Fortschritt vor einigen Tagen bei TED vorgestellt:

Ich finde die Vorstellung überaus überzeugend. Momentan laufen die klinischen Tests an, sodass wohl in knapp fünf Jahren mit der Marktreife gerechnet werden kann. Auch müssen die Tests zeigen, welche Impfstoffe für die Methode geeignet sind.
Ich möchte noch einmal einen technischen Blick auf die Nanopatches werfen.

Günstige Herstellung

Die Grundlage der Nanopatches sind Silizium-Scheiben (Wafer), wie sie in Halbleiterindustrie in großer Stückzahl verwendet werden. Auch die Strukturierung der Wafer erfolgt mit dem industriell wohlbekannten Plasmaätzverfahren [6]. Somit bestehen die Nanopatches aus reinem Silizium und ließen sich sehr günstig und in großer Stückzahl herstellen. Auf dem Bild ist ein strukturierter Wafer zu sehen; das Blaue ist eine Klebefolie, die die zugesägten Teile an Ort und Stelle hält
(falls Interesse besteht, kann ich als Insider gerne einen Einblick in die Waferverarbeitung geben ;-) ).

Schmerzfreies Impfen

Auf diese kleinen Siliziumstücke wird der Wirkstoff aufgebracht und wartet trocken auf seinen Einsatz. Die vielen Nadeln sehen wahrscheinlich für jemanden, der keine Spritzen sehen kann, auch nicht “freundlicher” aus, aber die Spitzen sind nur knapp einen zehntel Millimeter hoch. nanopatch

Das Nanopatch dringt nicht soweit ein, als dass man einen Stich spüren würde, aber tief genug, dass der Wirkstoff in die Dermis eingebracht werden kann. Wie im Video oben bereits beschrieben sitzen dort genügend T-Zellen, die auf den Impfstoff reagieren können. Dabei sind die einzelnen Spitzen so hart, dass ein Abbrechen im weichen Gewebe ausgeschlossen ist. Hier nochmal das Falschfarbenbild aus dem Video, auf dem man sieht, wie eine Spitze (grün) in die Hautschichten eindringt.

 

Nach dem Einsatz?

Da die Nanopatches aus Silizium bestehen, ist die Entsorgung kein Problem.
Denn wenn man Silizium zerbröselt bekommt man … Sand.

 

 Technisch gesehen sind Nanopatches kein Problem. ich bin gespannt, was daraus wird.
Vielleicht lassen hiermit mehr Leute impfen. 

 

—–

weiterführende Links:

  1. Link zur TED-Seite mit dem vollständigen Vortragstext
  2. The University of Queensland: Medical diagnostic testing based on needle-free devices applied to the skin
  3. The University of Queensland: Merck partnership accelerates needle-free vaccine delivery
  4. Literatur: Untersuchung zur Langzeitstabilität des Wirkstoffes (Open Access)
  5. Literatur: Designoptimierung der Oberflächenstrukturen
  6. Literatur: Herstellungsprozess der Strukturen [PDF]
  7. Video: msnbc Fernsehbeitrag

 

 

January 23 2014

Wenn der Ministerpräsident per Twitter zur Veröffentlichung gratuliert [Hinterm Mond gleich links]

Klappern gehört zum Handwerk. D.h. wer wahrgenommen und wertgeschätzt werden möchte, der sollte dann auch den Leuten erzählen, was sie oder er den lieben Tag so macht.

Das scheint wie eine Binsenweisheit, aber ich habe genug ältere Wissenschaftler erlebt, für die Öffentlichkeitsarbeit unter ihrer Würde war. Ich habe noch Zeiten erlebt, als es selbst an großen Unis nicht unüblich war, dass Wissenschaftlerinnen völlig verkopfte, extrem lange und vor allem tödlich langweilige Texte verfassten, die dann beinahe unredigiert in den Presseverteiler gegeben wurden. Das lag nicht unbedingt daran, dass die Pressestelle nicht ihre Arbeit machen konnte oder wollte. Die Wissenschaftler dahinter wollten einfach nicht riskieren, dass irgendsoein ‘Pressefuzzi’ eine Falschinformation herausgibt, die sie dann vor anderen Wissenschaftlerinnen doof aussehen läßt. Mit anderen Worten: als Zielgruppe der Öffentlichkeitsarbeit waren ausschließlich Wissenschaftler gesehen und die Aufgabe, das Ganze spannend und auch noch richtig an die breite Masse zu verkaufen, wurde alleine den Presseleuten zugedacht.

Das ist natürlich auch ein Standpunkt. Nur wenn mensch selber wie ein emotionsloser Roboter agiert, warum sollte sich dann irgendjemand anderes für ihre Forschung begeistern? Und wer kennt das Thema besser als mensch selbst und ist daher eher geeignet es knapp und anschaulich, aber dafür auch richtig darzustellen? Gerade in der heutigen Zeit, bei der Fülle an Themen und leider auch der immer weiter sinkenden Bereitschaft in den Medien eine ordentliche Recherche zu finanzieren, ist es extrem naiv anzunehmen, dass sich schon irgendjemand finden wird, der erkennt wie überragend die eigene Forschung ist und das auch entsprechend darstellen kann.  Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich nicht die Aufgabe einer Journalistin ist, Werbung für Wissenschaft zu machen. Sie sollte doch wohl eher kritisch berichten und das Ganze in einem größeren Kontext einordnen. Ob letzteres dann auch geschieht, ist wiederum eine andere Frage. In einem englischen Artikel auf den Scilogs wurde das Thema auch angesprochen und dabei auch auf ‘social medias’ wie Twitter, Blogportale etc, eingegangen.

Die klassische Pressemitteilung ist und bleibt natürlich wichtig, aber social media eröffnet völlig neue Perspektiven: Angefangen damit, dass mensch jetzt auch direkt mit interessierten Laien über seine Arbeit reden kann – außerhalb der wenigen Tage der offenen Tür – macht es die eigene Arbeit auf eine ganze neue Weise sichtbar und v.a. zeigt es einer breiten Öffentlichkeit, v.a. Multiplikatoren wie Presseleuten, warum mensch forscht und warum es wichtig ist, auch wenn kein unmittelbarer Nutzen entsteht. Das wiederum könnte die Chancen erhöhen, seine Forschung auch finanziert zu kriegen. Klar, eine Garantie ist es nicht, aber wie heißt es so schön: Wer nicht spielt, der kann auch nicht gewinnen.

Ich habe gerade ein ganz aktuelles Beispiel parat für die Interaktion zwischen Wissenschaft, Politik und öffentliche Wahrnehmung über social media:

Vaneylen_dirupio_twitter

 

Der belgische Ministerpräsident gratuliert auf Twitter einem Kollegen, der einen neuen Exoplaneten gefunden hat: What asteroseismology can do for exoplanets: Kepler-410A b. Hier ist die niederländische Pressemitteilung dazu und hier die englische. Der Erstautor Vincent van Eylen bloggt auch selbst.

Ich würde sagen: Alles richtig gemacht. Schaden kann es jedenfalls nicht. Und das sollten sich gerade ältere Wissenschaftlerinnen hinter die Ohren schreiben, die gerne hinter dem Rücken von jungen Wissenschaftlern, die Öffentlichkeitsarbeit machen, lästern, dass diese doch lieber mehr Wissenschaft machen sollten und nicht ihre Zeit ‘verplempern’ sollten.

Christopher Clark zu seinen “Sleepwalkers” [Primaklima]

Es gibt ja nur noch wenige, die das Buch “The Sleepwalkers” von Christopher Clark noch nicht gelesen haben (anyone?). Angeblich schon 170.000 verkaufte Ausgaben in der 12ten Ausgabe (!) allein in Deutschland. Ich bin fast durch und stolpere bei jeder Gelegenheit über Reviews und Besprechnungen dieses Buchs (der letzte etwa heute in der SZ). Es würde mich wirklich interessieren, ob es überhaupt schon einmal so einen durchschlagenden Erfolg eines an sich rein akademischen (1/5tel der Sleepwalkers sind selbstverständlich Literaturverweise, und das bei fast 900 Seiten) Geschichtsbuchs gegeben hat. Clark kann sich von den Tantiemen sicher bald zur Ruhe setzen.

Sicher sind wir gerade im 100ersten Jubiläumsjahr des Ausbruchs des ersten Weltkriegs. Das allein aber erklärt an sich nicht den riesigen Erfolg dieses Buchs, welches sich ja auf rein wissenschaftlichem Niveau der Frage nähert, wie es denn zum Ausbruch dieser Mutter aller Verbrechen und Kriege des 20ten Jahrhunderts überhaupt hat kommen können. Vielleicht mag es daran liegen, dass heute tatsächlich viele den Verlauf der letzten 20 Jahre seit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs und der von ihr gestützten bipolaren Welt als eine Entwicklung hin zu einer multipolaren und chaotischeren World-War-I-Situation hin wahrnehmen? Ist also China das neue Deutschland um 1900 (inklusive Markenpiraterie und zweistelligen Wachstumsraten) und die heutige USA das damalige England (inklusive eines überspannten Militärapparats und einer heisslaufenden Paranoia)? So oder so, “Die Schlafwandler” ist ein hervorragendes Buch und verdient wahrlich seinen Erfolg. Leseempfehlung daher auch von mir.

So einen Geschichtsprofessor stellt man sich ja vielleicht sehr trocken vor und mein eigenes, ganz ähnliches Vorurteil wurde bei dem Besuch einer einzigen Vorlesung beim übergroßen Hans Mommsen in meiner Heimatuniversität Bochum dermaszen bestätigt, daß ich da nie wieder hingegangen bin. Gott, war das langweilig! Das muß nicht so ein. Hier ein Video von einem Vortrag von Christopher Clark zu seinem Buch. Oxbridge at its best. Hochkomisch, fesselnd und interessant.

 

Christopher Clark im Literaturhaus zu Oslo, November 2013.

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

January 17 2014

Akustische Detektivgeschichten [Hinterm Mond gleich links]

Letztens bin ich beim Radio hören in Belgien über folgende kleine feine Webseite gestoßen: Originals.be (1) Dieses Projekt versucht eine Art Popgenealogie zu verfassen. Die prominenten Beispiele, die dann auch im Radio NL1 gespielt wurden, ließen mich jedenfalls aufhorchen und ich werde so einige Hits nicht mehr mit den gleichen ‘Ohren’ hören können.

Die Muppet show

Wenn mensch z.B. diesen deutschen Schlager spielt und

es dann damit vergleicht,

dann gibt es doch eine frappierende Ähnlichkeit. Es gibt aber eine noch frühere Version eines ganz ähnlichen Musik-Themas.

Ich vermute allerdings, dass auch das nicht unbedingt die ‘originalste’ Version sein wird. Wenn ich mein altes Schulwissen hervorkrame, dann scheinen mir alle drei Stücke im Ragtime verwurzelt zu sein.

Diese Fälle zeigen allerdings, dass die Grenze zwischen Plagiat, Hommage und Inspiration fließend ist. Gerade bei Musik ist es unmöglich, völlig unbeeinflusst gänzlich neue Werke zu schaffen. Wie soll mensch auch sicherstellen, dass ein Lied, das mensch als Kind gehört und inzwischen vergessen hat, einen nicht unbewusst inspiriert?

Selbst in der Wissenschaft ist es nicht immer ganz so einfach zu erkennen, wer ‘zuerst’ auf eine revolutionäre Idee kam. Auch hier arbeiten wir nicht im luftleeren Raum, sondern bauen auf früheren Arbeiten auf. So wurde die Integralrechnung unabhängig voneinander von Newton und Leibniz erfunden, was dann bekanntlich zu dem berüchtigt-berüchtigten Prioritätsstreit führte, der auch recht anschaulich vor Augen führt, dass intelligentere Menschen nicht zwangsläufig bessere Menschen sind, sondern genauso verbohrt, eifersüchtig und kindisch sein können wie…normale Menschen eben ;-)

Pulp Fiction

Während mensch sich wohl weiter oben noch streiten kann, ob die Stücke wirklich so ähnlich sind, ist der Fall für den Song aus dem Film ‘Pulp Fiction’ sehr eindeutig, schließlich verweist bereits der Titel ‘Misirlou’ auch recht eindeutig auf die ursprünglich griechische Quelle:

 

Hier eine frühere Version aus dem Jahr 1927(!)  im Rembetiko-Stil: Das ägyptische Mädchen:

 

Der ‘deutsche’ Schlager aus Polynesien

Beim folgendem Beispiel hat es mir dann die Schuhe ausgezogen: Ein polynesisches  Volkslied, das dann von einem deutschen Produzenten zu einem sehr bekannten Schlager verwurstelt wurde:

Ich glaub es ist jedem klar, welcher Schlager gemeint ist ;-)

Interessantes Thema, auch wenn der letzte Fall für mich einen schalen Beigeschmack von Kultur-Kolonialismus hat. Allerdings weist die Wikipedia-Seite auf die Herkunft hin und dass Tony Marshall die Ehrenbürgerschaft Bora Boras bekommen hat, weil er angeblich ‘polynesisches Liedgut’ bekannt gemacht hat, u.a. mit dem Hit ‘Bora Bora’ (2). Auch wenn bei ‘Schöne Maid’ die Herkunft aus der polynesischen Kultur erstmal nicht so erkennbar ist, so ergibt eine kurze Suche auf Youtube, dass es auch kein großes Geheimnis ist und dieser Beitrag macht es zusätzlich sichtbar.

Ich schreibe übrigens ‘polynesich’, weil es über das Internet nicht so einfach zu eruieren ist, woher das Lied genau stammt. Auf Wiki und auf Youtube wird Tahiti genannt und bei ‘Originals‘ wird eine Aufnahme aus den 30ern von Maoris auf Neusseland angegeben. Zumindest ein Kommentator auf Youtube merkte auch an, dass der Liedtext Maori sei.

Jedenfalls hab ich mir die “Originals” gebookmarkt und bin mal gespannt, was ich sonst noch entdecken werde.

———————–

(1) Keine Sorge, die Seite gibt es auch auf Englisch.

(2) Ich denke, ich lehne mich nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich anmerke, dass bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Hintergedanke “Tourismus” eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte.

January 15 2014

Winterreise durch die Wikipedia [Mathlog]

Der folgende Artikel ist ein Beitrag von Zuzana Hakčakova, den ich (mit freundlicher Genehmigung) übersetzt und für die Veröffentlichung in diesem Blog redigiert habe. Aktueller Anlaß ist der heutige 13. Geburtstag von Wikipedia.(TK)

Ich habe Soziologie studiert und arbeite seit nunmehr eineinhalb Jahren an einer Dissertation zum Thema “Autorita a Anonymita” (Autorität und Anonymität) – ich gehe der Frage nach, wie in den anonymen Welten des Internets, in Blogs, Foren oder der Wikipedia trotz Anonymität Autorität entstehen kann. Besonders die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia liefern hierfür – und auch für die Besonderheiten unterschiedlicher Kulturkreise – reiches Anschauungsmaterial.

Auf einer Diskussionsseite der deutschsprachigen Wikipedia sah ich vor einigen Tagen diesen Beitrag unter der Überschrift Gullivers Verbannung durch die Briefmarkensammler:

Stellt Euch vor, Gulliver gerät auf eine fernen Insel, die von einer Gesellschaft von Briefmarkensammlern bewohnt wird, die meinen, sie würden getreulich das Wissen der Welt abbilden. Tatsächlich, es finden sich Marken auf denen die Pyramiden in Ägypten abgebildet sind, wilde Tiere und Eskimos, Fernsehtürme und Fabriken. Der Niagarafall und das Matterhorn. Staatsmänner, Schriftsteller und Künstlerinnen. Das Atomium. Das Briefmarkensammeln ist ganz einfach, man muss nur die Postsäcke durchsuchen und findet viele bunte Marken aus aller Welt und es macht Spaß und erfüllt die Sammler mit Stolz, sie in ein dickes Buch zu kleben. Streit gibt es nur manchmal bei der Frage, wer eine Marke als erster kleben darf und wie die Marken am besten geordnet werden sollten.

Stellt Euch vor, Gulliver – inzwischen weit herum gekommen – versucht seinen Gastgebern zu vermitteln, dass dieses und jenes Detail auf den Marken nicht ganz akkurat ist. Vor allem die Briefmarken aus England wollen ihm nicht recht gefallen, da sie oft veraltet sind und den jetzigen Zustand des Landes nicht gut wiedergeben. Er versucht ihnen zu helfen, z.B. erklärt er auch, dass bei den Pyramiden kaum mehr Kamele, sondern eher Jeeps zu sehen seien. Er merkt aber, dass seine Gastgeber zunächst nur zum Schein auf seine Erläuterungen eingehen, manche aber anfangen miteinander zu tuscheln und ihm böse Blicke zuwerfen. Als er dennoch weiter erzählt, dass in seiner Heimat Nottinghamshire die Auffassung herrscht, dass Robin Hood wahrscheinlich eine Legende sei, kommt es zu einem tumultartigen Handgemenge, in dessen Folge Gulliver zu Boden geht und festgehalten wird. In einem darauf folgenden Gerichtsprozess spricht der Richter das Urteil, dass Gulliver die Autorität der Briefmarken in Frage gestellt hätte und den Grundsatz der werturteilsfreien Wiedergabe der Welt befleckt.

Hier versuchen manche, so wie Gulliver eine aus Sicht der Sammler „exzentrische“ Perspektive auf Grundlage der eigenen Identität einzubringen. Wenn sie keine exzentrische Perspektive, sondern eine ganz normal durchschnittsdeutsche Perspektive hätten, würden sie gar nicht auffallen damit. Angeblich weiß im Internet keiner, dass Du ein Hund bist, aber wenn Du bei Wikipedia die ganze Zeit über Chappi schreibst und nicht – wie alle anderen – über Jägerschnitzel, fällt es dann eben doch auf.

Auf einer Diskussionseite aus dem Bereich Feminismus habe ich mal gehört, dass eine Feministin im Artikel über Feminismus befangen sei. So unverblümt hört man es selten. Aber in der Tendenz ist das hier öfter so.

Es gibt einen Wissenschaftler, der einen ganzen Kulturkreis inklusive zweier Religionen bei Wikipedia abdecken will und in Äußerungen auf Metaseiten meint, die Verantwortung für die Richtigkeit der Artikel zu haben. Sein Ansatz ist, dass Religionsangehörige bei Wikipedia nichts zu suchen hätten. Seine Methode ist, entsprechende Benutzer so lange als Ignoranten zu bepöbeln und ihnen nachzustellen, bis sie entnervt aufgeben oder zurückschlagen. Zwei seiner Widersacher wurden unlängst gesperrt, weil sie es nicht mehr ertragen haben, verfolgt zu werden und sich deswegen – auf zugegeben illegitime Weise – eine neue Identität gesucht hatten. Es wird Zeit mal wieder gründlicher über Religionsfreiheit nachzudenken.

Wer eine bei Wikipedia unterrepräsentierte Minderheitenperspektive einbringen will, muss sich der Mehrheit gegenüber andienen oder wird entweder verfolgt und ständigen Provokationen ausgesetzt – nicht von allen und zum Teil aufrichtig gegen Angriffe verteidigt von Admins, aber doch so, dass keine normale Arbeit möglich ist – oder, wenn er oder sie diese Verfolgung durch wechselnde Identitäten erschweren will, gleich offiziell für vogelfrei erklärt. olag disk 22:13, 9. Jan. 2014 (CET)

Folgt man den dort angebenen Verlinkungen, dann erschließt sich die Geschichte eines Konflikts zwischen zwei Autoren, nennen wir sie AY und MM, von denen der eine seine Benutzerseite mit einer türkischen Flagge dekoriert, während des anderen Interesse an der Türkei eher akademischer Natur zu sein scheint.

Es geht, kurz gesagt, darum, dass MM häufig Änderungen von AY an die Türkei oder den Islam betreffenden Artikeln zurücksetzt oder korrigiert und sich dabei auf (oft akademische) Literatur beruft, gelegentlich auch recht deutlich seine Kritik an AYs Beiträgen äußert. Darauf bezieht sich der oben zitierte Beitrag, der – wie man auf verschiedenen Diskussionsseiten nachlesen kann – durchaus keine Einzelmeinung zu sein scheint und symptomatisch auch für andere WP-interne Debatten steht.

Die Abgrenzung des Buchwissens vom Erfahrungswissen, im akademischen (geisteswissenschaftlichen) Bereich ohnehin eine Selbstverständlichkeit, ist natürlich auch in den Wikipedia-Regularien klar geregelt durch Regeln, die genau solche Diskussionen vermeiden sollen, Regeln, die Theoriefindung, also das Einbringen eigener Erkenntnisse und Erfahrungen ausdrücklich verbieten und nur Wissen aus Sekundärliteratur erlauben.

Trotzdem, und da wird es mit Blick auf mein Dissertationsthema spannend, werden diese Diskussionen dort geführt, genauso oft wie in der nichtanonymen Offlinewelt, obwohl doch gerade im anonymen Internet niemand die Möglichkeit hat, die Authentizität des vorgeblichen Erfahrungswissens zu überprüfen. Ein Autor erhält Autorität einfach nur durch seine behauptete persönliche Affinität zu einem Thema, welche selbstverständlich niemand zu kontrollieren vermag.

Konkret zum oben beschriebenen Konflikt stellt sich die Frage, woraus – gerade in der Anonymität des Internets – eine “Perspektive auf Grundlage der eigenen Identität” ihre Glaubwürdigkeit gewinnen sollte, denn schließlich kennt ja überhaupt niemand den realen Hintergrund der beiden Autoren, kann also die akademischen Meriten des einen genauso wenig überprüfen wie die persönlichen Erfahrungen des anderen. AY’s Biographie könnte ohne Weiteres auch völlig anders aussehen als auf seiner Benutzerseite angegeben, etwa so: Jahrgang 1954, Deutscher, Besuch einer katholischen Eliteschule irgendwo im Alb-Donau-Kreis, schon als Schüler journalistisch in der Lokalpresse tätig. Nach einer Veranstaltung der FDP-Ortsgruppe schreibt er einen kirchenkritischen Artikel und wird deshalb der Schule verwiesen. (Sowas gab es noch in den frühen Siebzigern.) Er macht dann doch Abitur, studiert einige Jahre Musik ohne Abschluß, arbeitet lange Jahre in der Industrie und entdeckt schließlich Mitte der Nuller Jahre die Wikipedia, zunächst nur um in Artikeln über musiknahe Themen zu schreiben. Nach Erreichen des Vorruhestands wird er häufiger in der Wikipedia aktiv und legt sich für seine verschiedenen Interessensgebiete unterschiedliche Identitäten zu. Manche fliegen dank aufmerksamer Administratoren sofort auf, etwa als er sich unter dem Namen einer bekannten Wiener Prostituierten anmeldet, andere haben eine längere Lebensdauer, zum Beispiel die als Student der Heinrich-Heine-Universität. Wirklich erfolgreich ist aber nur eine seiner Identitäten, die als 34-jähriger türkischstämmiger Jungunternehmer mit Frau und 2 Töchtern, der in seiner knapp bemessenen Freizeit die deutschsprachige Wikipedia auf Vordermann bringen möchte. Wahrscheinlich macht es ihm Freude, das durch Film und Fernsehen transportierte Klischee, den immer etwas aufgeregt klingenden südländischen Redestil, bis zur Persiflage zu imitieren. Noch mehr Freude macht ihm vermutlich, nun zur Zielgruppe aller möglichen fremdenfeindlichen Angriffe zu werden. Rechtsextreme Webseiten spekulieren über seine Identität, halten ihn für einen türkischstämmigen taz-Autor und sehen in ihm den Anführer einer die deutsche Wikipedia unterwandernden linken Mafia. Dabei schreibt er in der Wikipedia überhaupt keine Artikel, allenfalls kurze Ergänzungen, hält sich hauptsächlich auf Diskussionsseiten auf und meldet vermeintliche oder tatsächliche Sockenpuppen. Als der Platzhirsch der Wikipedia von seinen Gespielinnen einen eigenen Personenartikel anlegen läßt, um sich – einen 50-jährigen Dauerstudenten – als einen der führenden deutschen Soziologen und Kollegen von Jürgen Habermas darstellen zu lassen, ist AY diensteifrig zur Stelle und verteidigt den Artikel gegen alle Lösch- und Änderungsversuche. Auch sonst unterstützt er gern Administratoren, vorzugsweise die mit viel Einfluß. Seine Beiträge garniert er oft mit türkischen Zitaten, mangels Sprachkenntnissen aus Wikiquote übernommen. Darüber hinaus untermauert er seine Legende durch Einbringen türkischsprachiger Quellen und Beteiligung an Debatten über die Türkei betreffende Artikel.

Soweit alles ganz lustig und natürlich alles reine Spekulation. Aber wenn wir einmal annehmen, dass es so ist oder jedenfalls so sein könnte, dann stellte sich die Auseinandersetzung zwischen AY und MM und damit auch die ganze darum herum sich entwickelnde Wikipedia-interne Diskussion in einem ganz anderen Licht dar: AY beherrscht die türkische Sprache überhaupt nicht, übersetzt türkische Zeitungsartikel und Buchausschnitte nur mit Google, baut deshalb immer wieder mal inhaltliche Fehler ein. Dafür kritisiert ihn MM und daraus ergibt sich dann der gesamte weitere Konflikt. Und weil natürlich kaum jemand in der deutschsprachigen Wikipedia die türkische Sprache beherrscht, vermag kein Außenstehenden zu entscheiden, wer nun eigentlich Recht hat. Mit Ausnahme der Experten, denen man aber grundsätzlich nicht trauen sollte.

Und die Moral von der Geschicht? Keine Ahnung, eigentlich nur, keiner Autorität mehr zu trauen, nicht derjenigen, die sich auf akademische Grade beruft, aber eben auch nicht derjenigen, die Autorität aus angeblicher Abstammung oder Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Kulturkreis herleiten will. Die Anonymität des Internet sollte solch ein Ignorieren selbsternanner Autoritäten doch eigentlich erst ermöglichen.

January 12 2014

Schlechte Mathe-Noten und der Wolf der Wall-Street [Mathlog]

In Deutschland kommt der Wolf der Wall-Street erst nächste Woche in die Kinos, hier konnte man den 3-stündigen Mega-Opus schon diese Woche sehen:

Der Film beruht ja auf den realen Erinnerungen des amerikanischen Börsenhändlers Jordan Belfort und ist dementsprechend aus der “Täterperspektive” gedreht, die “Opfer” kommen im Film schlicht nicht vor. (Oder allenfalls als Deppen, die sich am Telefon über den Tisch ziehen lassen.)

Ich wage mal die Prognose, dass das zahlreichen Kritikern nicht gefallen wird (ähnliche Kritik gab es ja, ohne dass jetzt natürlich inhaltlich vergleichen zu wollen, an Littells’ fiktiven Memoiren des Dr. Max von Aue) und dass bemängelt werden wird, man hätte auch die Folgen (nicht nur die für die Finanzjongleure) im Film darstellen sollen.

Ein Artikel im Schweizer “Tagesanzeiger” gestern beklagt zum Beispiel, die “Betrüger rund um Belfort [...] tauchen im Film höchstens als Clowns und Idioten auf – nicht als ausgemachte Schwindler”. Ich teile die Kritik nicht, auch ohne Verweis auf die Opfer wird im Film durchaus deutlich, dass es sich bei Belfert und seinen Freunden schlicht um Betrüger handelt.

Die Memoiren Belforts, auf denen der Film ja basiert, sind übrigens im Internet frei lesbar und vermitteln selbst in der Eigendarstellung noch ein recht klares Bild.

Ganz witzig finde ich, was man dort erfährt, dass alles mal mit schlechten Mathe-Noten begann:

I think the first time they noticed something was wrong was when I was in eighth grade, when I got a ninety-two on a math test. My mother was devastated. Before that, I’d never gotten anything below a ninety-eight, and even that would cause a raised eyebrow from her. I remember her saying something like, ‘Is everything okay, honey? Were you sick? Was something bothering you?’ Of course, I didn’t tell her that I’d smoked two fat joints of Colombian Gold before the test and that I was finding it difficult to add two plus two that afternoon. But I do remember her being very concerned about that test, as if, somehow, getting a ninety-two would reduce my chances of getting into Harvard Medical School. But that was how my mother was; she was an overachiever who held us to a very high standard. In fact, just a few years ago, she became the oldest woman in New York State to pass the bar. She practices law on Long Island now, doing everything pro bono. She defends battered women, ones who can’t afford a lawyer.”
Quelle

Also, liebe Eltern, aufpassen wenn die Kinder nur noch 92 Punkte im Mathe-Test schaffen – womöglich landen die dann mal an der Börse.
(Mich würde ja interessieren, ob es gesicherte statistische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen schlechten Mathe-Noten und einer späteren Karriere als Investmentbanker oder Börsenhändler gibt. Anekdotisch ließe sich einiges dazu beisteuern, auch aus meiner persönlichen Erfahrung.)

Und wie er dann letztlich wirklich an der Börse landet, das erzählt Belfort auch noch mal im Fernseh-Interview (ab Minute 4:30): “Ultimately I put myself on college [...] and then spent one day in dental school [Studium der Zahnmedizin]. And the reason I went to dental school is because my mother believed in my head, that it will be the only noble way to make money, you gonna get a doctor. Why do you want to be a doctor, because that would be taking 10 years [...] So I went to dental school and the first day I walked in [...] the dean is in the front [...] and then he says: ‘Let me say this. The golden age of dentistry is over. If you want to make a lot of money, you are probably in the wrong place.’ I stood up and I walked away.”

January 10 2014

Aber hallo, Herr Kaiser! [Geograffitico]

Dass Namen nicht nur sprichwörtlich schallen und rauchen (wie Goethe seinen Dr. Faust auf Gretchens Frage antworten lässt), sondern gelegentlich ganz unerwartete Verhaltensmuster erklären können, hatte ich hier schon mal beschrieben. Und dass Namen, wenn sie etwas über das Geschlecht oder die ethnische Herkunft einer Person verraten, auch krasse Auswirkungen auf die beruflichen Aussichten dieser Personen haben können, ist eine ebenso bedauerliche wie unübersehbare Tatsache. Aber dass Namen, einfach nur weil sie nobel klingen, wie beispielsweise “Kaiser” oder “König”, bessere berufliche Chancen mit sich bringen sollen – das hat mich dann doch heftig überrascht. Zumindest in Deutschland sei dies nachweisbar, finden die Autoren der Studie It Pays to Be Herr Kaiser: Germans With Noble-Sounding Surnames More Often Work as Managers Than as Employees.

Dazu muss man betonen, dass es hier um Namen – beispielsweise Fürst, Graf, Kaiser, König, oder Ritter – geht, die kein Adelsprädikat und keinen Adelstitel enthalten. Denn dass die Vorfahren der Familien König oder Kaiser, oder auch Graf, nicht etwa wirklich adelige Potentaten waren, sondern sich diese Familiennamen eher aus Spitznamen abgeleitet haben (für einen Schützenkönig, vielleicht, oder den Wirt des Gasthauses zum Kaiser, oder was auch immer), dürfte dabei auch den unbedarfteren ZuhörerInnen klar sein. Wenn es einen Effekt gebe, so schreiben die beiden Autoren Raphael Silberzahn und Eric Louis Uhlmann, müsse er auf eine reine Assoziation des Namens mit dem “edlen” Charakter zurückzuführen sein. Um diese These zu testen, verglichen sie die beruflichen Positionen solcher “edlen” Namensträger mit den in Deutschland ja durchaus häufigen, aber keineswegs vornehm konnotierten Berufsnamen wie Bauer, Koch oder Schuster. Die berufliche Stellung suchten sie mit Hilfe des sozialen Netzwerks XING heraus; je nach der in den dortigen Profilen angegebenen Position wurden sie in die Gruppen “Manager” und “Angestellte” eingeteilt.

Das Resultat: Unter den “edlen” Namensträgerinnen und -Trägern gibt es mehr als doppelt so viele Führungskräfte wie unter den “handwerkliche” oder “bürgerlichen” NamensträgerInnen. Wow! Doch ehe wir nun alle zum Standesamt rennen und unsere Namen ändern, sollten wir uns mal die Resultate genauer anschauen. Erstens reden wir hier von ziemlich kleinen Zahlen – nur 2,7 Prozent der “Edlen” und 1,1 Prozent der “Bürgerlichen” sind ins Management aufgestiegen (sofern man den XING-Angaben überhaupt trauen kann – sind ja alles freiwillige und ungeprüfte Angaben, soweit ich das sehe). Das heißt, ob es nun Herr Kaiser ist, oder eine Frau Graf, oder die Königs, Ritters etc. – die Chancen, keine Führungsposition zu erreichen, sind offenbar deutlich größer als der Aufstieg an die Spitze. Und zweitens sind die Fehlerbalken der Resultate ziemlich groß:

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Tags: Medizin

January 03 2014

December 20 2013

Finanzmathematikskrise? [Mathlog]

One has to be aware now that mathematics can be misused and that we have to protect its good name. (A.Wiles)

Im Oktober hatte Andrew Wiles, berühmt für den Beweis der Fermat-Vermutung, bei einer Rede anlässlich der Einweihung des Andrew-Wiles-Gebäudes in Oxford in recht scharfer Form Banker und Finanzmathematiker angegriffen, worüber dann in vielen (englischsprachigen) Medien berichtet wurde, zum Beispiel in der Times und der International Business Times oder z.B. diesem Blog.

Wiles claimed that the abuse of mathematics during the global financial meltdown in 2009, particularly by banks’ manipulation of complex derivatives, had tarnished his chosen subject’s reputation.

He explained that scientists used to worry about the ethical repercussions of their work and that mathematics research, which used to be removed from day-to-day life, has diverged “towards goals that you might not believe in”.

Bei Wiles’ Rede handelt es sich ja eher um einen allgemeinen Rant über den in Gefahr befindlichen guten Ruf der Mathematik. Der kanadische Spieltheoretiker A.Kaznatcheev hat sich (in einem als Reaktion auf Wiles’ Rede bzw. deren öffentliches Echo geschriebenen Beitrag) mal die Mühe gemacht, einige der neueren Arbeiten zur Anwendbarkeit der Finanzmathematik in einem Artikel Finance and Mathematics zusammenzufassen.

Ich weiß natürlich nicht, wie weit seine Rezeption tatsächlich den aktuellen Stand der Wissenschaft wiedergibt, aber jedenfalls finde ich es interessant genug, um die entsprechenden Teile aus seinem Artikel hier zu übersetzen. Im Folgenden also eine Übersetzung aus Kaznatcheevs Artikel:

Die populäre Story besagt, dass komplexe Derivative wie Collateralized Debt Obligations (CDOs, ein Überbegriff für Finanzinstrumente, die zu der Gruppe der forderungsgesicherten Wertpapiere und strukturierten Kreditprodukte gehören) und Kreditausfall-Swaps (CDSs, ein Kreditderivat, das es erlaubt, Ausfallrisiken von Krediten, Anleihen oder Schuldnernamen zu handeln) den Teilnehmern die “Vervollständigung des Marktes” erlauben und die Effekte asymmetrischer Information reduzieren (de Marzo: “The pooling and tranching of securities”). Insbesondere kann der mit Informationen ausgestattete Verkäufer Käufer für den informations-insensitiven Teil des Aktiva-Geldflusses finden und den informations-sensitiven Teil zurückhalten. Kritiker weisen darauf hin, dass in der Praxis der Preis (oder die Risikobewertung) von CDOs selbst gegenüber bescheidenen Ungenauigkeiten in der Bewertung unterliegender Risiken nicht robust sind (einschließlich Systemrisiken, siehe Coval, Jure, Stafford: “The economics of structured finance”). Es sind diese Falschbewertungen von Derivaten, die die meisten Analysten als zentral für die letzte Finanzkrise ansehen (Brunnermeier: “Deciphering the liquidity and credit crunch 2007-08″).
[...]
Arora, Barak, Brunnermeier, Ge: “Computational complexity and information asymmetry in financial products” zeigten, dass für rechenbeschränkte (“computationally bounded”) Marktteilnehmer de Marzos Rationalitätsanalyse nicht zutrifft und Derivate die Kosten der Informations-Asymmetrie tatsächlich erhöhen (statt verringern) können. Die Art, wie komplexe Derivate gewöhnlich aufgestellt werden, erlaubt es den Verkäufern, die Assets so auszuwählen, dass der Käufer das versteckte Risiko nicht erkennen kann.
[...]
In diesem Fall liegt die Schuld nicht bei den Preismodellen und Algorithmen der Käufer oder der dem Markt inhärenten Informations-Asymmetrie. Die fundamentalen Regeln der Berechenbarkeit verhindern ein besseres Ergebnis. Der Fehler ist, dass das Werkzeug der komplexen Derivate von Natur aus unfair oder zu einfach für unlautere Zwecke zu benutzen ist. Die Verwendung von CDOs und CDSs gibt Menschen mehr Macht, die über mehr Informationen verfügen. So erweitern wir ein bereits bestehendes Machtgefälle.[...] Ohne Berücksichtigung der Berechnungskomplexitäten ist dies nicht zu sehen.[...]

December 17 2013

Vorbildliche Wissenschaft? [Gesundheits-Check]

Gerade haben wir hier über wissenschaftliche Integrität und die moralische Dimension von Wissenschaft diskutiert. Eines der beiden Beispiele dabei war die aktuelle Debatte um eine nach Wernher von Braun benannte Schule. Gewöhnlich ehrt man mit Schulnamen Menschen, die als Vorbilder gelten können. Das war Wernher von Braun nicht, ungeachtet seiner technisch-wissenschaftlichen Leistungen.

Auch mit Ehre und Geschichte zu tun hat eine Sache, die ein paar moralische Nummern kleiner ist, aber ebenfalls lehrreich unter forschungsethischen Aspekten: ein “Forschungspreis für ein Plagiat“, wie die ZEIT ONLINE schreibt.

Es geht um das zweibändige Werk „Urologen im Nationalsozialismus“, 2011 erschienen und nun vor kurzem vom scheidenden Bundesgesundheitsminister Bahr, der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ausgezeichnet, wie die Deutsche Gesellschaft für Urologie und der Berufsverband der Deutschen Urologen auf ihrer Internetseite stolz verkünden. Eigentlich löblich, denn die Ärzteschaft hat ihre unseelige Vergangenheit erst spät und nicht immer vorbildlich (da ist es schon wieder, dieses Wort!) aufgearbeitet.

Dummerweise hat eine der Autor/innen, eine junge Historikerin, bei der Erstellung des Bandes Textteile von einer Kollegin, der Hamburger Medizinhistorikerin Rebecca Schwoch, übernommen, ohne dies zu kennzeichnen. Sie hat das bereits im April 2012 öffentlich eingeräumt, erst in einer Mailingliste der Historikerzunft, dann später auch im Fachblatt „Der Urologe“. Den noch nicht ausgelieferten Büchern wurde ein Hinweis beigelegt. Insofern ist das erledigt, vielleicht sogar – vorbildlich?

Man darf annehmen, dass die junge Historikerin dafür nicht geehrt werden möchte, ihr wird die ganze Sache vermutlich ziemlich peinlich sein. Geehrt wurde in diesem Fall das Werk. Das wiederum zeugt allerdings von einer ordentlichen Portion Chuzpe. Auf die Idee, ein plagiatorisch belastetes Werk ausgerechnet für einen Forschungspreis einzureichen, muss man erst einmal kommen. Und dass es dann auch noch als vorbildlich ausgezeichnet wird, hätte eigentlich einer guten Begründung bedurft, denn zumindest einem Teil der Jury wird der Plagiatsfall ja bekannt gewesen sein.

Es lohnt sich übrigens, zu dieser Geschichte auch die Kommentare auf ZEIT ONLINE zu lesen. Ein Argument fand ich besonders beeindruckend: Man könne doch nicht einen Plagiatsstreit auf dem Rücken von NS-Opfern austragen. Dieses Argument leidet nicht nur unter einer unappetitlichen Selbstreferentialität, es enthält auch eine ausgesprochen dumme Schlussfolgerung: Plagiate bzw. ihre Auszeichnung soll man demnach nicht mehr öffentlich kritisieren, wenn sie wichtige Texte betreffen? Nun denn, es gibt Zweckargumente mit mehr und weniger Niveau.

Wie soll man nun – vorbildlich oder auch nur vernünftig – mit so einer Sache umgehen?

December 12 2013

Max Planck war Kieler (Ausstellung ab dem 14. Dezember) [Chevoja]

Der Nobelpreisträger Max Planck wurde nicht nur am 23. April 1858 in Kiel geboren, er war auch in der Zeit von 1885 – 1889 Professor für theoretische Physik an der Kieler Universität.

Am 14. Dezember 1900 stellte er seine Gesetze zur Schwarzer Körper Strahlung der Physikalischen Gesellschaft vor und legte damit den Grundstein für die Quantentheorie.
Zu diesem Anlass wird ihm nun an der Kieler Physik eine Ausstellung gewidmet.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über Plancks Biographie sowie sein privates Leben und die vielfältigen Beziehungen zu Kiel (Foto: Theo-Physik Uni Kiel. Prof. Bonitz) 

 

Neben Informationen zu seinem Lebensweg und seiner Beziehung zur Stadt werden auch viele hochwertige Exponate der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) zu sehen sein. Dazu kommen einige Originaldokumente aus dem Archiv der MPG, die bis Ende Februar 2014 gezeigt werden. Unter anderem ist dort auch dieses Zitat zu finden:

“…betrachte ich doch Kiel
als meine eigentliche Heimat
und fühle mich auch heute noch 
als Schleswig-Holsteiner…”

Max Planck, 1920, anläßlich der Nobelpreis-Verleihung

 

Wer also grad in der Gegend ist: die Ausstellungseröffnung ist am 14. Dezember um 10 Uhr im Physikzentrum. Alle Infos auf www.theo-physik.uni-kiel.de/~bonitz/planck.html

 

Max Planck

Auf dem Weg zur Bibliothek findet man Bilder aller ehemaligen Leiter der Kieler Physik unter anderem auch Planck

Tags: Medizin

December 09 2013

Demografieforschung per Crowdfunding: Wie sollten Alterspioniere in Szene gesetzt werden? [Frischer Wind]

Dass die Zahl meiner Artikel auf den ScienceBlogs in den letzten Wochen zurückgegangen ist, hängt unter anderem damit zusammen, dass ich derzeit – natürlich nur temporär – für das Blog eines Crowdfunding-Projekts “meiner” Hochschule Harz bei Sciencestarter schreibe (über die Crowdfunding-Plattform selbst hatte ich ja Anfang diesen Jahres bereits berichtet). Grund genug, das Projekt „Silver Clips“ auch einmal hier auf den ScienceBlogs vorzustellen und um Unterstützer zu werben – wobei mir die eigens für Sciencestarter erstellte Video-Präsentation schon einen Großteil der Arbeit abnimmt:

Im Vordergrund dieses Projekts, das von Thomas Schatz und Prof. Dr. Birgit Apfelbaum durchgeführt werden wird, steht demnach der Begriff des „Alterspioniers“, also eines älteren Menschen, der sich für sein Alter ungewöhnlich verhält – etwa, indem er sich mit den weit entfernt wohnenden Enkeln täglich via Skype unterhält – und der damit eine Art Vorbildfunktion für andere Mitglieder seiner Altersgruppe einnimmt. Aus zahlreichen Projekten, in denen die Hemmungen von Seniorinnen und Senioren bei der Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnik untersucht wurden, weiß man, dass derartige Vorbilder bzw. Präzedenzanwender in der Tat einen sehr großen Einfluss auf die Technikakzeptanz älterer Menschen haben. Nicht ohne Grund läuft beim BMBF derzeit etwa das Programm „Senioren-Technik-Botschafter“, in dessen Rahmen sozusagen die Ausbildung von Alterspionieren an Kommunikations- und Telepflege-Technik öffentlich gefördert wird:

“Ziel ist es, Initiativen von gemeinnützigen Organisationen zu fördern, die ein schlüssiges, innovatives Konzept für den Wissensaufbau und die Vermittlung des Wissens zur Nutzung von neuen Technologien einreichen. Seniorinnen und Senioren sollen ermutigt werden, als Senioren-Technik-Botschafter Kenntnisse und Erfahrungen mit neuen Informa­tions- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu erwerben und anderen älteren Menschen einen Zugang zu diesen Technologien zu ermöglichen.” – aus den Förderrichtlinien des BMBF zum Programm “Senioren-Technik-Botschafter”

Im Rahmen des Crowdfunding-Projekts „Silver Clips“ soll nun an unserer Hochschule erforscht werden, welche Aspekte einer Rollenvorbild-Präsentation dabei auf welche Untergruppen von Seniorinnen und Senioren eine besonders positive Wirkung entfalten. Spielt es beispielsweise für Seniorinnen eine Rolle, ob ihnen ein Alterspionier oder eine Alterspionierin präsentiert wird? Kann eine humorvolle Inszenierung eines Alterspioniers dessen Wirkung unterstützen oder wird die Vorbildfunktion dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben? Diese und viele andere Fragen sollen im Rahmen von „Silver Clips“ sozialwissenschaftlich-qualitativ beantwortet werden. Hierfür wird in 2014 eine Reihe von kurzen Video-Sequenzen mit unterschiedlichen Darstellungen von Alterspionieren (männlich/weiblich; medizinische/kommunikative Anwendung; humorvolle/ernste Inszenierung etc. pp.) erstellt, die wiederum die inhaltliche Grundlage für mehrere qualitative Gruppendiskussionen mit Seniorinnen und Senioren am Standort Halberstadt bilden werden.

Alle Projektergebnisse – also sowohl die Videoclips als auch die schriftliche Auswertung der Gruppendiskussionen – werden übrigens frei zugänglich und unter geeigneten Lizenzen veröffentlicht werden, um sie für jeden Interessenten nutzbar zu machen – ein Aspekt, der mir bei der Erarbeitung des Projektkonzepts persönlich sehr am Herzen lag (Open Access). Wer sich näher über das Projekt informieren – oder es sogar unterstützen – möchte, findet hier bei Sciencestarter eine ausführliche Projektbeschreibung sowie natürlich das bereits erwähnte Projektblog, für das ich auch in den kommenden Wochen noch zahlreiche Artikel zu Demografie und Telepflege verfassen werde (danach geht es dann hier in gewohnter Frequenz weiter).

Wettbewerb

Nachdem wir das große Glück hatten, sowohl den mit 1.000 Euro dotierten Sciencestarter-Demografiepreis zu gewinnen, als auch mehrere äußerst großzügige private Unterstützer zu finden, ist die für die erfolgreiche Finanzierung des Projekts erforderliche Mindestsumme zwar schon erreicht – trotzdem freut sich das Projektteam natürlich über jeden zusätzlichen Euro, der bis zum Ende der Finanzierungsphase im Februar noch auf dem Projektkonto eingeht – und der selbstverständlich in zusätzliche Videos, bessere Videoqualität oder die weitere Optimierung des Diskussionssettings investiert werden wird. Auch über jeden Interessierten, der noch „Fan“ des Projekts wird, ohne es finanziell zu unterstützen, würde ich mich freuen – schließlich geht es bei Sciencestarter ja in erster Linie nicht ums Geld, sondern um die Vermittlung von Wissenschaft, so dass uns auch jeder zusätzliche Blogleser, Kommentator, Fragesteller und Kritiker mehr als nur willkommen ist…

December 06 2013

Wenn der Mobilität der Saft ausgeht. Elektromobilität kritisch betrachtet. [Chevoja]

Jetzt mal im ernst. Elektroautos?
Ich wundere mich seit Jahren, dass da von der Politik so wehemend und eingleisig dran festgehalten wird.
1 Mio. Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen bis 2020 … der Umwelt zuliebe … Aha
Das aufzuschlüsseln, würde schnell ein Buch füllen, deshalb hier ein paar kürzere Gedanken zu 3 Themen:

  • Nutzen für die Umwelt
  • Tanken
  • Zukunft und Alternativen

 

Für die Umwelt?

Bruttostromerzeugung Deutschland 2012. Quelle: statistisches Bundesamt

Ganz allgemein bedeuten Elektrofahrzeuge ersteinmal nur, dass nicht jedes Auto einen Verbrennungsmotor bei sich führt. Somit ließe sich, rein von der Idee her, in Ballungsräumen die Luftqualität drastisch verbessern.
Auf der anderen Seite muss die elektrische Energie aber trotzdem irgendwo herkommen. Rein ökologisch würde die Rechnung aufgehen, wenn die Energie nicht aus Verbrennung oder aus anderen Umwelt störenden Quellen erzeugt werden würde.

In Deutschland wird knapp 57% unseres Stroms aus der Verbrennung von Kohle und Gas und 16% aus der Kernkraft erzeugt.
=> also knapp dreiviertel aus populistisch ungewollten Quellen – je nach politischer Lage natürlich, aber Energiepolitik wäre nochmal ein eigenes Thema.

Selbst wenn die “grüne Energie” auf dem Vormarsch ist [1], wird das Abgasproblem trotzdem nur vor die Städte verlagert. In anderen ballungslastigen Ländern sieht es ähnlich oder sogar noch “ungrüner” aus, denn z.B. in China ist der Anteil der fossilen Energiegewinnung noch höher.

Es gibt auch Länder, bei denen die Energiebilanz wesentlich besser aussieht. So laden Elektroautos in Norwegen kostenlos. Aber ein Land, in dem quasi der gesamte Energiebedarf durch Wasserkraft gedeckt wird, lässt sich nur schwer als Vorbild heranziehen.

Neben der Energieerzeugung gibt es auch einen weiteren Umweltfaktor: die Akkus. Hier lässt sich momentan nur spekulieren, welche Auswirkungen die Förderung und Verarbeitung der benötigten Rohstoffe (Lithium etc. [3]) haben werden, um die vielen benötigten Akkus zu produzieren.

Elektro für Klima? In absehbarer Zeit wohl eher nicht.

 

Tanken?

Quelle: SPON “Elektroauto-Infrastruktur: Verspannungen im E-Mobilitäts-Netz” Fotostrecke

Aber selbst wenn man sagt, dass selbst eine geringe Reduzierung der verbrennenden Energiegewinnung für das Fahren bereits ein Fortschritt und die Umverteilung der Abgasbelastung ein Vorteil ist, dann bleibt die Frage des “Tankens”.

Ein vereinzelter städtischer Verfechter, der seinen Wagen jeden Abend an ein Kabel hängt, mag in Ordnung sein, aber man stelle sich einmal den Kabelsalat einer belebten Straße im dichtbesiedelten Hamburg oder Berlin vor … Das halte ich für sehr verstrickt.

Öffentliche Lade-Terminals wären eine Idee, aber wenn eine große Zahl Fahrzeuge abgedeckt werden soll, müssten überall neue Leitungen verlegt werden, die die hohen Stromlasten aushalten können.
Ich kenne natürlich die entsprechenden Konzepte, bei denen auf dem Car-Port über Solarzellen das Auto wieder aufgeladen werden kann, aber wer ist denn die Zielgruppe für die Elektroautos? So wie ich das sehe, sind es die Kurzstrecke fahrenden Städter, die eben kein festen Stellplatz haben.

Weiter abschreckend wirken die stetig wechselnden Technologien und allgemein fehlenden Standards (kein einheitlicher Anschluss, unterschiedliche Bezahlsysteme etc.). Spiegel Online nannte es vor ein paar Tagen treffend “das Klagen beim Laden”.

Es gab vor einigen Jahren ein Konzept, das ich wirklich vielversprechend fand: Wechsel-Akkus! Man fährt zur “Tankstelle” und es wird einmal komplett die Akku-Einheit von unten in weniger als 2 Minuten getauscht. Es gab sogar großflächige Versuche, die von der Firma ‘Better Place‘ in Zusammenarbeit mit Renault durchgeführt wurden. In Dänemark und Japan ab 2009 und noch größer in Israel ab 2011.
Und jetzt, wo Elektromobilität wieder in aller Munde ist (Union und SPD planen günstige Kredite für Elektroautos), dachte ich in meiner Naivität, dass vor allem diese Konzepte den Schwung besonders spüren und bald in allen Medien auftauchen sollten. Tja, und welche Meldung findet man, wenn man die großen Suchmaschinen anwirft? “Elektroauto-Anbieter Better Place insolvent”

Wenn ich bei dem Sturm grad aus dem Fenster gucke, frage ich mich, wie sicher Car-Ports und Solardächer sind. Einen Reservekanister mit ‘Sprit’ kann man sich noch irgendwo in die Garage stellen, aber was macht man, wenn eine Oberleitung abknickt und man keinen Strom hat?

 

Zukunft und Alternativen?

Quelle: FAZ “In Norwegen ist für Elektroautos sogar der Strom gratis”

Es gibt eine unglaublich umfangreiche Arbeit des Fraunhofer ISI [2]. Hier schlüsseln die Forscher sehr genau auf, was alles funktionieren und passieren müsste, damit das “1 Mio. in 2020″ Ziel erreicht werden könnte. Auch gibt es eine Prognose zu den Kosten einer Tankladung im Vergleich, die eigentlich auch ganz optimistisch aussehen. Prinzipiell ist es möglich, aber das Schlusswort der Arbeit klingt sehr skeptisch. Und wenn man guckt, dass der momentane Stand in 2013 bei knappen 6000 Neuzulassungen in Deutschland liegt, wird es wohl nichts.

Das soll aber nicht heißen, dass die Entwicklungsarbeit für neuartige Akkus nicht trotzdem wichtig ist. Ich persönlich glaube, dass es bessere Lösungen als reine Elektroautos gibt, sowohl technologisch, ökologisch als auch ökonomisch. Stichwort: Hybrid.
Denn vor allem Hybrid-Systeme beweisen, wie viel man aus den konventionellen Verbrennern rausholen kann – gleiche Leistung durch weniger Verbrennung vor allem im Stadtverkehr kombiniert mit Start-Stopp und anderen Innovationen, auf die ich vllt. ein anderes Mal genauer eingehen werde. (Vor allem der Schritt zur Brennstoffzelle mit der Verbrennung von Wasserstoff könnte interessant werden, wenn hier die Erzeugung auf gesunden Beinen steht [4])

 

Also, was soll der ganze Hype? Wollen die Konzerne wirklich den Wandel, oder ist das nur Image-Arbeit? Können aus den heutigen wenigen 10.000 Elektroautos in Deutschland in 7 Jahren wirklich 1 Million werden? Und wo kommt die gesamte Infrastruktur so schnell her, wenn wir momentan noch Probleme haben, die Windkraft von der Nordsee nach Byern zu bekommen?
Naja, mit den Handys ging es damals plötzlich auch sehr schnell, aber ich hoffe, die Autos halten dann länger als zwei Jahre ;-) (Zum Thema “nachhaltige Zukunftshandys” hatte ich hier schonmal was geschrieben)

Oooder ist es doch dieses ominöse Hintertürchen, wie ein Autohersteller durch das Maßschneidern eines bestimmten Fahrzeugtyps die CO2-Billanz seiner ganzen Flotte auf EU-Linie bringen kann? Ich will ja nicht unken, aber sowas habe ich irgendwo beim Zappen aufgeschnappt, auch wenn ich die Quelle nicht mehr auftreiben kann.

 

Was ist also von dem Ziel: 1 Mio. Elektrofahrzeuge bis 2020 zu halten? Ich glaube,
dass in Hybridsystemen und Brennstoffzellen die Zukunft liegt.
Effizienter Verbrauch und mehr Flexibilität. 

 

_________________________

weiterführende Links:

[1] BMWi: Energiegewinnung und -verbrauch. Kennzahlen und Prognosen
[2] Fraunhofer ISI: Markthochlaufszenarien für Elektrofahrzeuge (PDF)
[3] Arte: Mit offenen Karten Boliviens Traum vom Lithium. Das Video ist leider nicht mehr offiziell auf arte zu streamen.
[4] Arte: Mit offenen Karten – Biokraftstoffe Eine Alternative. Das Video ist leider nicht mehr offiziell auf arte zu streamen.

Tags: Medizin

December 02 2013

Die Qualität des Widerspruchs [SocioKommunikativ]

Unstimmigkeiten und Konflikte gehören für uns alle zum Alltag. Damit umzugehen fällt allerdings oft nicht ganz einfach. Dass Widerspruch eine hohe Qualität beinhaltet und als Ressource für Neuerungen und Forschung genutzt werden kann, führt Margaret Heffernan in einem TED Talk aus. Anhand eines Beispiels, der Medizinerin Alice Stewart in den 50er Jahren und deren Zusammenarbeit mit einem Mitarbeiter, zeigt sie welche (versteckten ;) ) Qualitäten Widerspruch und Auseinandersetzung in (Forschungs)Prozesse bringen kann.

Und ganz nebenher, wenn Widerspruch und Konflikt als Ressource und nicht als Bedrohung betrachtet werden, sind diese auch gleich wesentlich weniger furchtbar: Sie werden zu einem spannenden und produktiven Element. Viel sozialwissenschaftliche, dabei vor allem interpretative,  Arbeit lebt davon. Widerspruch wird als Komponente in Forschungssettings integriert: Interpretationsgruppen möglichst divers zusammenzusetzen ist dabei eine Strategie, unterschiedliche Meinungen systematisch zulassen und diese für die Synthese der Interpretation zu nutzen eine weitere. Und, zugegeben, manches Mal können damit nicht vertraute Menschen ganz schön irritiert davon sein, dass andere Freude am Konflikt haben und direkt danach suchen.

November 22 2013

50 Jahre nach Dallas: Eine Momentaufnahme vom Tag des Attentats [Frischer Wind]

Wer heute einen Fernseher oder ein Radio einschaltet, wird um einen Bericht zum 50. Jahrestag des Attentats auf John F. Kennedy kaum herumkommen. Die vielgezeigten Bilder dieses Tages – das Präsidentenpaar, das der Air Force One entsteigt, die Menschenmengen auf den Straßen von Dallas, die schockierenden Sekunden des Zapruder-Films, der berühmte CBS-Moderator Walter Cronkite, der vor dem Verlesen der Todesnachricht seine Brille absetzen muss oder die weinenden Damen vor dem Parkland Memorial Hospital – will ich an dieser Stelle gar nicht erst duplizieren. Statt dessen binde ich nachfolgend ein vermutlich weniger bekanntes Foto dieses Tages ein, das aus der faszinierenden Vorlesungsreihe „The Kennedy Half Century“ von Professor Larry J. Sabato (University of Virginia) stammt, die man derzeit auf der stets empfehlenswerten Online-Lernplattform Coursera belegen kann.

(Für eine Vergrößerung bitte einfach auf das Bild klicken.)

Cleaning JFKs Car

Die Aufnahme zeigt den 1961er Lincoln Convertible des Präsidenten vor dem Noteingang des Parkland Memorial Hospitals etwa 30-45 Minuten nach den Schüssen auf Kennedy und den texanischen Gouverneur John Connally, der das Attentat bekanntlich verletzt überlebte. Noch während Kennedy und Connally in der Notaufnahme des Parkland Memorial behandelt werden, reinigen zwei Mitarbeiter des Secret Service die Limousine – man sieht sogar den Wassereimer zwischen den beiden Männern stehen – wobei nicht nur alle Blutspritzer, sondern auch die Teile von Kennedys Schädeldecke und Gehirn entfernt werden, die nach dem tödlichen Kopfschuss im hinteren Teil des Fahrzeugs liegen. Die Aufnahme eines kurzen Moments, der in den folgenden Jahrzehnten eine Vielzahl von Verschwörungstheorien nähren sollte – immerhin wurden hier wertvolle Spuren für immer vernichtet, anhand derer die entscheidende Frage, ob die tödlichen Schüsse von hinten (also aus dem Texas School Book Depository) oder von vorne (und damit vom berühmten „grassy knoll“) abgegeben wurden, auch in den 1960er Jahren mit hoher Sicherheit hätte beantwortet werden können.

Nun gehört Professor Sabato sicherlich nicht zum großen Kreis der Anomaly Hunter, die hinter dem Attentat eine großangelegte Verschwörung vermuten – ganz im Gegenteil. Dennoch ist er ein vokaler Kritiker der Arbeit der Warren Commission, die nicht zuletzt wegen der im Jahr 1964 anstehenden Präsidentschaftswahlen unter großem Druck stand, die Untersuchung möglichst schnell und mit einem unkontroversen Ergebnis zu beenden. Zu den vielen der Kommission zuzuschreibenden Fehlern gehört auch, dass das oben im Bild festgehaltene Fehlverhalten der Agenten nie untersucht oder gerügt wurde, dessen wahrscheinlichste Erklärung letztendlich wohl in der Konfusion des Moments sowie in dem Wunsch bestanden hat, das Scheitern des eigenen Schutzauftrages nicht noch weiter zu eskalieren und daher nicht zuzulassen, dass Teile der Schädeldecke des eigenen Oberbefehlshabers im Blickfeld der immer weiter anwachsenden Menschenmenge vor dem Krankenhaus einfach liegengelassen werden. Ein nachvollziehbarer aber dennoch fataler Fehler, der rückblickend ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dass zwei Untersuchungen (die Warren Commission und das spätere House Select Committee on Assassinations) sowie eine Vielzahl von Autoren und Ballistikern bis heute nicht eindeutig klären konnten, aus welcher Richtung die tödlichen Schüsse tatsächlich abgegeben wurden.

Wer heute noch ein wenig mehr Zeit hat, um sich mit der Geschichte des Attentats von Dallas zu beschäftigen, dem sei an dieser Stelle noch der YouTube-Kanal von David von Pein mit vielen Mitschnitten von Fernseh- und Radioprogrammen dieses 22. Novembers 1963 sowie die Dokumentation „End of Camelot“ ans Herz gelegt, die im Jahr 1993 – also anlässlich des 30. Jahrestags – produziert wurde. Zu diesem Zeitpunkt konnten viele der heute leider bereits verstorbenen Zeitzeugen noch persönlich interviewt werden – so beispielsweise Gouverneur John Connally und seine Ehefrau Nelly, der stellvertretende Kennedy-Pressesprecher Malcolm Kilduff (der einige Stunden nach dem Attentat mit einem Diktiergerät auf dem Boden der Air Force One kniend den Amtseid des neuen Präsidenten für die Nachwelt aufzeichnete), der Kennedy-Berater Arthur Schlesinger (der später für sein Buch über die Kennedy-Administration mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde), Kennedys Sekretärin Evelyn Lincoln (die am Tag nach dem Attentat durch den neuen Präsidenten entlassen wurde) oder auch den damaligen Außenstaatssekretär und Vietnam-Kritiker George Ball. Einzig der heute 93-jährige Polizist Jim Leavelle – der als Matrose 1941 bereits beim Angriff auf Pearl Harbor dabei war und 1963 trotz einer schnellen Reaktion den tödlichen Schuss auf Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald nicht verhindern konnte – ist von all den befragten Zeitzeugen noch übrig geblieben.

November 20 2013

Hysterie

Der Wahnsinn des Weibes – oder: Sternstunden patriarchaler Wissenschaft

Das Krankheitsbild der Hysterie und seine Geschichte geben ein eindrückliches Beispiel von den sexistischen Gehalten männlich dominierter Wissenschaft, wurde der Hysterie und somit der Gebärmutter doch alles zugeschlagen, was am »Weib« vermeintlich unerklärlich und/oder krankhaft war. Die folgenden Beiträge aus dem Öffentlich-Rechtlichen zeichnen die Geschichte der Hysterie mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach.

1. Die wandernde Gebärmutter – Eine Kulturgeschichte der Hysterie (2012)

Diesmal führt die Reise von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, immer auf den Spuren eines medizinischen Irrglaubens – in die Welt gesetzt von Männern, zu Lasten der Frauen.

Download: via br.de (0:24 h, 21 MB)

2. Hysterie – Die Geschichte eines Krankheitsbildes (2012)

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt es lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich und erzeugt allerlei Krankheiten!“ So heißt es bei Platon. Vom griechischen Wort für Gebärmutter ist die Bezeichnung Hysterie abgeleitet. Die Hysterieforschung brachte Freuds Psychoanalyse hervor. Autorin: Ulrike Rückert

Download: br.de (0:11 h, 9 MB)

3. Theatrum Hystericum. Der Siegeszug/kurze Glanz eines Nervenleidens (2013) Hörenswert

Das SWR2-Feature von Christine Wunnicke legt den Schwerpunkt auf das fin de siècle, eine Zeit, in der die Hysterie eine Art kulturellen Hype erlebte und regelrecht zur Kunstform avancierte. Sehr schön gestaltet und hörenswert!

In den 1880er-Jahren öffnete die neurologische Abteilung des Hôpital de la Salpêtrière in Paris ihre Pforten für die Öffentlichkeit: Jeden Dienstag führten die hauseigenen Hysterikerinnen vor Publikum ihr ansehnliches Leiden vor. Professor Charcot erklärte; Dr. Tourette assistierte; Dr. Duchenne elektrisierte und nahm Lichtbilder auf. In hypnotischen Tableaus inszenierte man die Krankheit der Epoche. Sie konnte jeden ereilen; neuerdings auch Männer. Die Hysterie, eben noch mit rustikalen Theorien über wandernde Gebärmütter assoziiert, wurde plötzlich zur Befindlichkeit à la mode, zur Muse der Künste, zum Schatten der Belle Époque.

Download: via swr.de (0:54 h, 75 MB)

Tags: Gender, Geschichte, Geschlechterverhältnisse, Hysterie, Literatur, Medizin, Philosophiegeschichte, Psychoanalyse, Psychologie, Wissenschaft, wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftskritik
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